bufo

Bufo Bufo

Egon schielt nicht mehr. Dabei hattest du ihn gerade wegen seiner schielenden Augen „Egon“ getauft. Wolltest dein Faible für Expressionismus demonstrieren. Dachtest du würdest einen intellektuellen Witz machen. Kamst damit auch gut an. Bei Männern wie bei Frauen. Vor allem wenn du hinzufügtest, du hättest Egon das Leben gerettet. Damals, als wir anfingen zu studieren. Als wir an Kröten erste chirurgische Eingriffe vornehmen sollten. Damals, als wir noch Freunde waren.

Du musst dich fast entschuldigen, dass deine Kröte nun nicht mehr unter dieser Sehschwäche leidet. Viele deiner Gäste hatten von Egon gehört und wollten die schielende Kröte mit eigenen Augen sehen. „Heute Morgen hat Egon ganz plötzlich  völlig normal geguckt“, erklärst du gestenreich. Die Enttäuschung ist vielen ins Geischt geschrieben. Ich finde das unhöflich, und früher hättest du das bestimmt auch unhöflich gefunden. Heute aber offensichtlich nicht. Ein weiterer Grund, warum ich mich frage weshalb ich hier bin. Weshalb du mich eingeladen hast.

Du heißt Peter und ich heiße Paul. Früher sagten unsere Freunde nur „P&P“ zu uns. Es wurde fast zum geflügelten Wort. Der Begrüßung nach zu urteilen, sagt heute niemand mehr „P&P“. Du hast mir nur kurz, knapp, mit einem schiefen Lächeln die Hand gegeben. Ich glaube, ich lächelte gar nicht. Ich versuchte zumindest, nicht zu lächeln. Stolz nennt man das. Ich hab ihn noch. Du wunderst dich bestimmt darüber. Denn du weißt genau, dass du deinen Stolz verloren hättest; dass du an diesem Abend nicht zu mir gekommen wärst. Aber ich bin hier.

Die anderen Gäste kenne ich nicht. Sie scheinen viel über dich zu wissen. Wahrscheinlich nicht alles, so wie ich. Aber genug, um von dir angestrahlt zu werden. Deinen Doktorvater kenne ich vom Sehen. Der Rest wird das Kollegium deines neuen Jobs sein. Deine Frau, natürlich. Ich bin der einzige alte Weggefährte. Mir gefällt diese exponierte Stellung. Ich hatte gehofft, niemanden sonst von früher zu sehen.

Alle Gäste stehen an Egons Terrarium. Du erzählst die Geschichte. Ich kenne jedes Detail. Nicht nur, dass ich sie tausendmal gehört habe. Ich war sogar dabei. Du erzählst sie immer zu lang. Dabei ist es ganz einfach. Wir kommen an die Uni, wohnen zusammen in einer Wohnung, kriegen im ersten Seminar Kröten vorgesetzt, bekommen Mitleid, retten unsere Exemplare, ich lasse meine in die Freiheit, du setzt sie in ein Terrarium und taufst sie Egon, weil sie schielt. Egon Schiele, Maler des Expressionismus. Du hast sogar eine Replik von ihm im Wohnzimmer hängen. Wie passend. Alle lachen. An mehreren Stellen. Du zeigst auf mich. Ich werde zum lebenden Beweis der Geschichte. Ja, ich war dabei. Hab die Kröte aufwachsen sehen. Welche Gattung? Eine Erdkröte. Bufo Bufo. Du kennst den lateinischen Namen. Du kennst von allem den lateinischen Namen.

Wir setzen uns, nachdem die erste Welle der Enttäuschung über Egons neu erlangte Sehfähigkeit abgeklungen ist. Noch vor dem ersten Gang wird spekuliert was Egon geheilt haben mag. Es sind genug Mediziner anwesend, um die wildesten Theorien entstehen zu lassen. Aber du hast natürlich eine Erklärung parat: Eine posttraumatische Verbitterungsstörung nachdem Egon bemerkt hat, dass sein Herrchen von nun an richtig arbeiten muss. Schon wieder lachen alle. Selbst mir zucken die Mundwinkel kurz zu einem Solidaritätslächeln.

Du wirfst mir einen seltsamen Blick zu. Bin ich dir peinlich? Ist es schon wie früher, als du mich und mein Verhalten erklären musstest? Dabei habe ich doch noch gar nichts gesagt. Noch keine Angriffsfläche geboten. Heute Abend kannst du mir gar nichts. Oder ist es gerade das? Hast du vielleicht gedacht, ich knicke ein? Und jetzt, wo du siehst, wie stark ich bin; wie viel Souveränität ich zeigen kann; jetzt zweifelst du, ob du mich nicht vielleicht unterschätzt hast.

Nach dem Aperitif kommt gleich der Hauptgang und die nächste Runde Spekulationen über Egons Augen wird eröffnet. „Vielleicht liegt es an einem natürlichen Abwehrverhalten“, vermutet einer deiner Freunde. Zustimmendes Nicken rund um den Tisch. Womöglich hat Egon seine Sehschwäche überwunden, aus Angst einen seiner Gegner im rechten Moment zu übersehen. Irgendetwas muss in ihm eine Abwehrinstinkt hervorgerufen haben. Vielleicht ein Storch. Oder ein Fischreiher. Als keiner mehr einen Vorschlag machen kann, leiste ich zum ersten Mal an diesem Abend einen Gesprächsbeitrag: „Krähen“, rufe ich hinein. Da dies mein erstes richtiges Wort ist, blicken alle mit einer Mischung aus Überraschung und Neugier zu mir herüber. „Krähen sind die gefährlichsten natürlichen Feinde von Kröten, nicht wahr, Peter?“, frage ich dir direkt ins Gesicht. „Mit Krähen kennst du dich schließlich aus“, füge ich noch schnell hinzu. Alle Blicken liegen nun auf dir. Du winkst ab. „Lassen wir das“, kannst du noch einigermaßen verständlich murmeln. Gut, denke ich, dann lassen wir es eben. Fürs Erste.

Eine spürbare Spannung liegt über dem Tisch. Natürlich will jeder wissen, warum ausgerechnet du dich mit Krähen auskennen sollst. Doch es traut sich keiner zu fragen, weil du so abrupt abgewunken hast. Das Thema ist dir unangenehm, soviel soziale Kompetenz besitzen deine Gäste. Blicke werden trotzdem getauscht. Spätestens jetzt wirst du wohl versuchen mit mir unter vier Augen zu sprechen. Nur wo? Nach dem Hauptgang? Soll ich dich in die Küche begleiten, wenn die nächsten Getränke vorbereitet werden? Eine gute Ausrede, schließlich muss dir jemand beim Tragen helfen, wenn du nicht zweimal gehen willst. Ein kurzer Blick genügt, um zu wissen, dass wir beide dasselbe denken. Intuitiv essen wir schneller. Dein Stuhl knarrt ziemlich laut, als du ihn zurückschiebst. Das Geräusch wird nur von deinem Räuspern übertönt und der Frage, ob ich dir nicht kurz bei den Getränken helfen könnte. „Natürlich kann ich das“, antworte ich so jovial wie möglich. Mein Stolz ist ungebrochen.

Deine Küche bietet nicht gerade viel Privatsphäre für eine Aussprache. Ess- und Kochbereich sind mehr oder weniger ein Raum. Der Herd befindet sich in einer sogenannten „Kochinsel“. Doch die Getränke stehen in der Speisekammer. Ein kleiner Durchgang, der zur Garage führt. Wir gehen hintereinander. Du voran. Als ich noch damit beschäftigt bin, die erstaunlich hohen Decken zu bewundern, herrschst du mich bereits an. „Was fällt dir ein“, presst du hervor. „Können wir nicht einfach die Vergangenheit ruhen lassen?“ Ich tue, als ob ich nicht wüsste, was du meinst. „Natürlich weißt du was gemeint ist“, sagst du ein bisschen zu laut. Ich zucke mit den Schultern und zeige in das Esszimmer. „Ein bisschen leiser“, flüstere ich. Du bemühst dich richtig, nicht auszuflippen und begehst dann den größten Fehler, den du machen konntest: Du lügst. „Versöhnen wollte ich mich“, sagst du viel zu sanft. „Dieses unglaubliche Missverständnis, unseren Bruch, endlich hinter uns lassen. Schließlich waren wir doch mal die besten Freunde. Haben alles geteilt. Entschuldige, aber am Ende waren es doch wir beide.“ Und genau da irrst du. Es waren nicht wir beide. Du allein bist es gewesen. Nur du wusstest von Professor Corvus und mir. Wer hätte mich sonst verraten sollen? – Das sage ich aber natürlich nicht. Nur dieses eine Wort: „Corvus.“ – Du verziehst keine Miene, als du mir sagst, ich solle runterkommen und mich nicht so aufblähen.

Am Esstisch herrscht ausgelassene Stimmung. Deine Frau sorgt für die passenden Anekdoten. Als wir uns setzen lächelst du wieder süffisant. Du bist der Gastgeber, es ist deine Pflicht. Ich werde dir aber diesen Triumph nicht gönnen und strahle förmlich über mein ganzes Gesicht. Immer noch bin ich der Stärkere. Immer noch stehen alle Zeichen auf Sieg. Dein Doktorvater ist es schließlich, der das Gespräch wieder in die richtigen Bahnen lenkt. „Noch einmal wegen der Krähen“, sagt er beinahe beiläufig. „Gab es da nicht diesen Vorfall in Hamburg vor ein paar Jahren?“ „Stimmt“, ruft eine deiner neuen Kolleginnen. „Ungefähr 1000 Kröten waren buchstäblich explodiert und das hatte irgendetwas mit Krähen zu tun.“ Dein Doktorvater nickt. „Damals haben die Krähen bei den schlafenden Kröten den Bauch aufgepickt und die Lebern gefressen. Als die Kröten die Bedrohung wahrnahmen, fingen sie an sich aufzublähen, das typische Abwehrverhalten. Doch Kröten verfügen über kein Zwerchfell und ohne Leber hatten ihre Körper keine Möglichkeit das Aufblähen zu stoppen. Das Loch platzte auf und die Eingeweide spritzten heraus. Und weil die Krähen das clever gemacht hatten, ereignete sich dieser Vorfall bei 1000 Kröten gleichzeitig.“ „Wie scheußlich“, ruft deine Frau. Alle blicken zu Egon. Er sitzt breitbeinig auf einem kleinen Stock und starrt geradeaus. Plötzlich dreht er seinen Kopf nach rechts und blickt mir in die Augen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Es gibt wohl nichts was unangenehmer ist, als der starrende Blick einer einstmals schielenden Kröte.

Pudding zum Nachtisch. Deine Frau hat ihn selbst gemacht. Alle bewundern die zarte Konsistenz und dass sie es irgendwie hingekriegt hat, die obligatorische Haut zu vermeiden. Ein Geheimnis, dass sie mit ins Grab nehmen werde, scherzt sie. „Dann werden es also nur die Krähen erfahren“, ruft dein Doktorvater in das Lachen hinein. „Hör einfach weg, Egon“, sagt jemand anderes und alle lachen weiter. „Was ist denn eigentlich der lateinische Fachbegriff für Krähen?“, ruft wieder dein Doktorvater. Und ohne drüber nachzudenken spuckst du förmlich, Pudding im Mund, den Begriff in die Runde: „Corvus!“, sagst du. ––– Nur dein Schmatzen durchbricht die plötzliche Stille der Erkenntnis. Natürlich wussten jetzt alle, auf was ich bei der Vorspeise anspielte. Ich war dein alter Studienfreund, ich war zur selben Zeit an der Universität, als sie mit der Corvus-Affäre zu nationaler Berühmtheit gelangte. Ich kann ein Lächeln nicht verkneifen. Irgendetwas musst du jetzt sagen. Es bleibt dir gar nichts anderes übrig. Wir sehen uns an. Du seufzt, bleibst aber ruhig. Ich kann es nicht lassen. „Wie war das mit den Krähen?“, frage ich in die Stille hinein. Du wirst wütend. „Wer wurde denn exmatrikuliert? Du oder ich?“, schreist du fast über den Tisch. Ich bleibe ganz ruhig. „Und wer hat daraufhin die Doktorandenstelle bekommen?“, frage ich. Dein Doktorvater mischt sich ein. „Hast du irgendwas mit der Geschichte um Professor Corvus zu tun, Peter?“, sagt der alte Mann in neutralem Ton. „Ja!“, schreist du. „Ja! Natürlich! Ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt. Ich hab den Betrug aufgedeckt, in den du beteiligt warst.“ Dein ausgestreckter Finger zeigt zwar in meine Richtung und ich spüre auch einen leichten Stich, aber ich lasse mir nichts anmerken. – „Peter“, sagt dein Doktorvater. „Professor Corvus war unschuldig. Der Prozess hat seinen Ruf ruiniert und viele mussten gehen, auch wenn ihnen eigentlich nichts vorzuwerfen war.“ – Deine Augen sind leer. Sie blicken an mir vorbei. Plötzlich füllt sich dein Blick wieder mit Leben. „Wie kannst du es wagen?“, fauchst du mir zu. „Du kommst in meine Wohnung, beschimpfst mich als die Krähe, der du vor Jahren gefolgt bist und gibst mir die Schuld an deinen Verfehlungen. Ich habe das Richtige getan und du bist zu Recht von der Uni geflogen. Du bist nichts. Nur eine kleine Kröte!“ – Wir beide springen auf, unsere Stühle kippen krachend nach hinten. Erschrocken blicken die anderen Gäste noch immer sitzend zu uns herauf. Ich will dich packen, doch du kommst mir zuvor und stichst mit der Gabel in meinen Bauch.

Egon sitzt immer noch breitbeinig auf seinem Stock. Für den Trubel vor seiner Scheibe interessiert er sich nicht. Egon ist alles egal. Ich sehe ihm direkt in die Augen, als ich bemerke wie sich mein Körper zusammen zieht. Es zieht und ich beuge mich nach vorne, bis mein Kopf fast auf Höhe meiner Hüfte ist. Du siehst mir fassungslos zu, wie ich mich langsam auf die Couch setze.  Noch immer hast du die Gabel in der Hand. Kleine Tropfen Blut hängen an den Zinken. – Du bist die Krähe. Du hast mir das Zwerchfell durchstoßen, du hast mir die Leber rausgepickt, du bist Schuld, dass sich nun mein Körper zusammen zieht. Ich lasse mich auf die Couch fallen. Im Sitzen geht es. Mein Bauch entspannt sich. Bekommt Luft. Immer mehr Luft. Pumpt sich voll mit Sauerstoff. Immer mehr. Immer stärker. Ich versuche es zu stoppen, versuche die Luft entweichen zu lassen. Doch es ist zu spät. Die Spannung nimmt überhand. Es geht zu Ende. Er platzt. Mein Bauch platzt mit einem reißenden Geräusch und meine Eingeweide breiten sich auf den Kissen aus, als würden sie sich gemütlich hineinkuscheln. – Und ich sehe dich. Ich sehe, wie du lächelst. Doch der letzte Blick geht zu Egon. Egon die Erdkröte sitzt auf seinem Stock und seine Augen drehen sich langsam in die Mitte seines Gesichts.

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