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Probleme mit Enten aus der Nachbarschaft

Kaum verwunderlich, dass sie auch an diesem Tag wieder auf mich gewartet haben. Bei Regen stellten sie sich immer im Hauseingang unter. Doch dürfte das nicht der einzige Grund gewesen sein, warum ich von ihnen schon wieder überrascht wurde. Verfolgten sie mich doch oft genug, bis zu einem bestimmten Punkt am Ende der Straße. Und von einer unsichtbaren Barriere gehalten, erwarteten sie mich, an derselben Stelle, wenn ich wieder zurückkam. Wenn ihre Aufdringlichkeit in gewisser Weise Kommunikation bedeutet haben sollte, muss ich leider gestehen, nur bedingt zu einem Zugang fähig gewesen zu sein. Eigentlich aber auch nur natürlich, wenn man die unterschiedliche Spezies-Zugehörigkeit bedenkt. Ich, als Mensch, hatte einfach von Beginn meines Lebens Schwierigkeiten mit Enten zu sprechen. Und dieser leere, ausdruckslose Blick, mit dem sie mich scheinbar verzweifelt anstarrten, half da auch nicht sonderlich weiter.

Ein halbes Jahr schon wurde ich zweimal täglich verfolgt und angestarrt. Anfangs beachtete ich das Entenpaar gar nicht. Nur ihre Vorliebe, statt in dem nur zwei Kilometer entfernten Park, lieber hier an dieser Kreuzung zu leben, wunderte mich ein wenig. Als erfahrener Großstadtbewohner schaffte ich es aber ohne Probleme ihre Existenz wegzuleugnen. – Bis zu dem Übergriff. – Ich befand mich auf meinem alltäglichen Weg durch das Getümmel vor meiner Haustür, um schnellstmöglich meine Bahn zu bekommen, als mir plötzlich hinterrücks ein Stück Brot gegen den Kopf geschleudert wurde. Zuerst verdächtigte ich einen der jugendlichen Gewalttäter, die schon des Öfteren durch Pöbeleien an älteren Bewohnern aufgefallen waren. Doch waren sie gerade damit beschäftigt offenbar hochinteressante Smart-Phone-Videos auszutauschen. Ich zuckte die Schultern und wollte schon wieder los, als sich mir ein wutentbrannter Erpel in den Weg stellte. Seine braungefiederte Partnerin, nicht weniger aufgebracht, stand ein wenig abseits. Der Erpel schlug mit den Flügeln und zeterte ein unverständliches Enten-Kauderwelsch. Was auch immer er erreichen wollte, meine Aufmerksamkeit hatte er zumindest gewonnen. Ich schaute links und rechts, konnte aber keinen Grund für seine Erregung finden. Der Erpel, ein wenig beruhigter, als er merkte, dass ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte, watschelte zu dem kleinen Gebüsch neben der Litfaßsäule. Hier schien das Nest der beiden zu sein. Ein jämmerlich, zerfleddertes Etwas aus trockenen Stöcken. In mir stieg die Vermutung auf, ich solle ihnen ein neues Refugium schaffen. Da ich sowieso schon lange sozial recht isoliert lebte, konnte ich mir zum Glück viel Zeit für die Recherche zu einem solch gewagten Unterfangen nehmen. Ich beschloss zu helfen.

Schon bald sagte mir das Internet, dass es sich bei meinen gefiederten Freunden um Stockenten handelte, die so gut wie überall vorkamen. Vorzugsweise in der Nähe von Gewässern, entwickelte sich die schon im 18. Jahrhundert beschriebene Verstädterung der Stockente, flächendeckend in allen urbanen Zentren der Welt. Die natürlichen Feinde der Stockente: Füchse, Wanderraten, Marder etc., waren möglicherweise der Grund, warum gerade dieses Paar beschlossen hatte, neben der Litfaßsäule in meiner Straße zu leben. – Mehr brauchte ich nicht zu wissen, um eine der besten Ideen meiner bisherigen menschlichen Existenz in die Tat umzusetzen. Wasser schien das Problem zu sein, Wasser würde die Lösung sein. Ich lieh mir den alten Gartenschlauch meiner Nachbarn und schloss ihn an den Wasseranschluss in der Küche an. Aus dem Wohnzimmerfenster heraus, spritzte ich aus vollen Rohren alles in das Gebüsch neben der Litfaßsäule. Ich weiß nicht wie, aber die nächsten acht Stunden vergingen wie um Flug und schon stand die gesamte Straße bis zu den Windschutzscheiben der parkenden Autos unter Wasser. Zufrieden mit meinem Werk der Natur und ihren Lebewesen etwas Gutes getan zu haben, stoppte ich das Wasser und legte mich zufrieden vor den Fernseher.

Keine drei Minuten dauerte es, da klingelte das Telefon. Die Feuerwehr evakuiere die gesamte Straße, sagte mir eine Nachbarin mit aufgelöster Stimme. Woher sie denn bitte meine Nummer habe, fragte ich recht erbost über die Störung meiner Sofa-Entspannungsphase und knallte den Hörer auf, ohne die, mit Sicherheit, lächerliche Antwort abzuwarten. Doch tatsächlich waren vor meinem Fenster drei große Löschzüge im Einsatz, um die Straße von den Wassermassen zu befreien. Kopfschüttelnd beobachtete ich, wie die Menschheit erneut der Natur im Wege stand. Das Entenpaar kam zu mir geflogen und setzte sich auf meine Schulter. Der Erpel links, das Weibchen rechts.

Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass diese, meine erste und leider auch letzte Aktion, fehlschlug. Des Weiteren wurde mir ein besonders unsympathischer Charakterzug des Entenpaares bewusst: Jähzorn. Sichtlich gereizt über meinen Fehlschlag, begann das Paar erst untereinander und dann mit mir zu streiten. Offenbar bereuten sie ihren Entschluss, mich hinzuzuziehen. Hilflos stand ich zwischen den beiden und musste mich anschnattern lassen. Nur zu verständlich, dass ich das nicht lange mitmachen wollte und konnte. Drohend schnappte ich mir die gusseiserne Bratpfanne, die ich tags zuvor noch für Steak verwendet hatte und hob sie hoch über meinen Kopf. Der Erpel, in seiner Arroganz unerschrocken, ging sofort zum Angriff über und sprang mir ins Gesicht. Ich schaffte es kurz seinen linken Flügel mit den Zähnen zu umklammern, verlor aber das Gleichgewicht, als das Weibchen zwischen meine Füße lief. Ich stürzte, und die Pfanne zertrümmerte mir das Nasenbein. Bewusstlos blieb ich liegen.

Nun ist dies schon ein paar Tage her und als ich heute Morgen bei strömendem Regen die Haustür öffnete standen sie also wieder vor meiner Tür, schützten sich vor dem Regen und schienen auf mich gewartet zu haben. Reue blitzte für den Bruchteil einer Sekunde in ihren Augen auf, um sogleich wieder der ausdruckslosen Starre zu weichen, die ihr Standardblick zu sein scheint. Der Erpel legte ein paar trockene Blüten vor meine Füße. Möglicherweise war das eine Entschuldigung. Das Weibchen drehte sich weg, nachdem der Erpel ein lautes Quak-Geräusch von sich gegeben hatte und sprang gegen die Litfaßsäule. Der Regen hatte aufgehört und das letzte was ich von dem Erpel sah, war ein schelmisches Grinsen, das er offenbar nur für mich eingeübt hatte.

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