harald

Harald macht sich rar

Auf den Stufen in den dritten Stock begann es zu wirken. Ganz langsam nur, doch Harald spürte es sofort. Die Kiste mit den Tonerkassetten zitterte leicht. Er musste sich kurz setzen. Glücklich über diesen ersten Erfolg, schaute er auf seine Füße. Er bildete sich ein, sie wären schon ein wenig unschärfer geworden. Wirklich zu sehen war es nicht. Dass es jedoch definitiv begonnen hatte, daran lag kein Zweifel.

Er nahm die Kiste wieder hoch und ging die restlichen Stufen hinauf in das Büro. Niemand bemerkte ihn. Leise ging er an den Schreibtischen vorbei in den Kopierraum. Immer mal wieder klingelte ein Telefon und irgendwelche Angestellten redeten über die neusten Zahlen von irgendwas. Harald interessierte das nicht. Genauso wenig wie die Zahlen oder sonst jemand aus diesem Büro sich für ihn interessierte. Harald gehörte nicht hierher. Harald war nur der Tonertyp. Er lieferte die Kassetten, damit die Kopierer funktionierten. Das war’s. Er trank mit den anderen keinen Kaffee. Er wurde nicht in die Geburtstagsplanung eingespannt. Ihm wurde noch nicht mal zugenickt, wenn er zufällig jemanden im Gang traf. Harald existierte nicht – und doch gab es ihn. Ein Umstand, der Harald wohl am meisten störte. Neben den anderen störenden Alltäglichkeiten aus Haralds Büroalltag. Dieser eine Kerl zum Beispiel. Jeden Mittwoch traf er ihn auf dem Weg zum Kopierer und jeden Mittwoch lief dieser Kerl so nah an Harald vorbei, dass dieser sich gegen die Wand drücken musste. Harald wollte sich nicht wegducken. Am liebsten hätte er mit erhobenem Haupt, rausgestreckter Brust und starker Stimme diesem Kerl Einhalt geboten. Aber so war Harald nicht. Harald hatte Angst. Angst vor den Blicken der Menschen. Angst davor, gesehen zu werden. Angst davor für immer geduckt gehen zu müssen, wenn er seine Angst nicht überwinden könnte.

Harald gehörte nicht dazu. Allein sein Beruf schien ihn außerhalb des Systems anzusiedeln. Er war nicht integriert. Es gab keine harald@diefirma.de-Adresse. Das System schloss ihn aus. Die anderen Büroangestellten kannten noch nicht einmal seinen Namen. Sie sahen ihn ab und zu. Aber da niemand mit ihm ein Projekt zu besprechen hatte, niemand ihn an einem Schreibtisch sitzen, niemand ihn kaffeetrinkend in der kleinen Küche stehen sah, nahmen sie ihn gar nicht als Teil des Systems war. Harald stand nicht im Intranet. Er hatte den Job von seinem Vater übernommen, der ihn von seinem Vater bekommen hatte, der schon damals Schreibmaschinen in das Büro geliefert hatte. Auch sie waren nicht beachtet worden. Harald betrachtete das als Familienfluch. Und er betrachtete es als seine Aufgabe, diesen Fluch zu brechen. Die einzige Lösung, die ihm dazu eingefallen war, war die Flucht nach vorne. So komplex das Problem sein mag, so einfach war für Harald die Lösung: Wenn die Gesellschaft ihn aus ihrer Mitte, ihrem System, ihrer internen Vernetzung ausschloss, dann sollte er dies auf die Spitze treiben, indem er einfach völlig verschwand. Harald wollte sich lösen; wollte sich endgültig von den Menschen entfernen; wollte einfach verschwinden. Die Frage, wie er das am einfachsten bewerkstelligen konnte, ließ sich leicht beantworten: Harald begann, sich rauszuschreiben. Im Keller des Hauses seines Vaters fand er eine der alten Schreibmaschinen, die früher von dem Vater seines Vaters in das Büro geliefert wurden. Harald begann, sich Stück für Stück aus der Geschichte zu schreiben. Es schien zu funktionieren. Im dritten Stock, im Treppenhaus. Hier bemerkte er zum ersten Mal eine Veränderung. Es gab ihn noch, aber er spürte, dass er nicht mehr komplett zu sein schien.

Die Geschichte, in der er sich weglassen würde, begann Harald an seinem ersten Arbeitstag. Rückwirkend seine Existenz im Büro zu löschen, war anfangs schwierig für ihn. Er musste sich genau erinnern, was an jenem Tag passiert war und in wie fern er selbst dabei eine Rolle spielte. Diese Rolle galt es zu entfernen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass viele Sachen passierten, die ihn nur mittelbar betrafen, und bei denen er womöglich überhaupt nicht anwesend war. Trotz dieser Schwierigkeiten verlief die Rekonstruktion der ersten Tage und Wochen reibungslos. Harald bemerkte bereits leichte Erinnerungsschwächen. Offenbar begann sein Kopf damit, zeitgleich die Erinnerung an diese Tage zu löschen, sobald Harald sich selbst aus der Geschichte rausgeschrieben hatte. Die vollgetippten Seiten ließ er ganz sanft in den Papierkorb gleiten. Ihm war klar, dass er, wenn er sich aus dem System löschen wollte, die Geschichte in den Müll werfen musste. Ob er nun drin war oder nicht. Und außerdem war ihm auch völlig klar, dass er schreiben musste, wenn das Büro geschlossen war; wenn niemand mehr an seinem Computer saß und jeder sich aus dem Intranet ausgeloggt hatte. Niemand sollte auf die Idee kommen, Harald nun doch aufzunehmen. Dafür war es zu spät. Plötzliche Annäherungsversuche mussten unterbunden werden. Harald hatte zu lange nebenher gelebt, als dass er sich nun würde einfangen lassen. Die Geschichte hatte begonnen und wer weiß, was passieren würde, wenn sie plötzlich auf die Idee kamen ihn zu integrieren – in ihren E-mail-Verteiler, in ihre WhatsApp-Gruppen, in ihren Facebook-Freundeskreis. Harald hatte begonnen, sich zu löschen und das war unwiderruflich.

Er nutzte jede freie Minute zum Schreiben. Die Geschichte musste so schnell es ging beendet werden. Harald fürchtete auf den letzten Metern erkannt zu werden. Beachtet zu werden. Die Kugel war ins Rollen geraten. Wie eine unaufhaltsame Lawine, die sein Dasein verschlang, ging es mit Harald bergab. Körperlich. Seelisch. Dennoch gab es unberechenbare Faktoren. Der neue Auszubildende zum Beispiel. Harald hatte das Gefühl, dass er Blickkontakt gesucht hatte. Letzte Woche, als sie sich zufällig im Kopierraum trafen. Harald versuchte durch offensiv schlechte Laune dieser Kontaktaufnahme entgegen zu wirken. Als ob er nicht sowieso schon recht grummelig durch die Gänge gegangen wäre, jetzt sollte man ihm seine Menschenverachtung regelrecht ansehen. Wenn man ihn denn sehen konnte bzw. sehen wollte.

Immer mehr Tage strich Harald raus und immer weniger wurde er von den Mitarbeitern im Büro bemerkt. Die alten Kollegen kannten ihn schon überhaupt nicht mehr. Höchstens ein paar jüngere, die erst vor Kurzem eingestellt worden waren, wussten, dass es jemanden wie Harald geben müsste. Darunter eben auch jener Auszubildende mit dem irritierenden Blick. Vielleicht hatte er geschielt? Harald musste den Blick falsch interpretiert haben. Denn aktiv würden sie niemals auf ihn zugehen. Dafür waren sie selbst viel zu vernetzt in diesem Büro mit seinen Oberflächlichkeiten. Harald spekulierte darauf. Er konnte den Zeitpunkt gar nicht mehr abwarten, an dem er den letzten Punkt setzen würde und für immer verschwunden wäre. Niemand würde ihn vermissen, weil er niemals bemerkt worden war. Er wäre einfach gelöscht, analog als auch digital. Keine Signatur wäre mehr vorhanden und keine Suchmaschine könnte ihn je wieder finden. Die Menschheit konnte digital zusammenrücken wie sie wollte: Harald bliebe verschwunden.

Im Büro lagen die Toner mittlerweile einfach nur da. Niemand wusste, woher sie kamen. Niemand fragte sich, wer sie brachte. Alle hatten die Erinnerung an Harald vergessen. Wenn sie denn je in ihrem System gespeichert gewesen war. Und solange die Toner kamen, interessierte sich auch niemand dafür. Harald schrieb die Nächte durch. Pausen wollte und konnte er sich nicht leisten. Er musste fertig werden. Auch wenn er nur noch ein Schatten seiner selbst war. Seine Finger fielen schwer auf die Tasten der alten Olympia. Doch die Befriedigung im Büro niemandem mehr ausweichen zu müssen, gab ihm die nötige Energie und Motivation immer weiter zu machen. Immer weiter zu tippen. Harald schrieb sich in einen Rausch. Er hatte sogar begonnen, neue Geschichten dazu zu erfinden, nachdem er sich selbst rausgeschrieben hatte. Eventuelle Konsequenzen waren nebensächlich. Harald würde es nicht mehr mitbekommen. Er wäre dann schon längst verschwunden. Ein letztes Mal musste das Farbband gewechselt werden, ein letztes Mal wollte er die Sonne über dem Bürogebäude aufgehen lassen. Harald ließ ein letztes Mal seinen Namen aus, als es um die gestrige Mitarbeiterversammlung ging und das Blatt segelte langsam in den Papierkorb.

Im selben Augenblick drückte der neue Azubi auf Enter. Er war erst kurze Zeit in der Firma und sollte sich zur Einarbeitung mit dem internen Server auseinandersetzen. Vor allem das Firmen Wiki sollte auf den neusten Stand gebracht werden. Der Azubi war also gerade dabei, einen neuen Zugang für die Mail Accounts einzurichten und die Mitarbeiter in einer Nachricht darüber zu informieren, als Harald sein letztes Blatt beendete. Kurz bevor das Blatt den Papierkorb erreichte, blinkte auf Haralds PC das rote Licht über der Intranet-Anzeige grün auf. Harald erschrak. Ausgerechnet jetzt sollte sich jemand eingeloggt haben? Schwer hob er den Blick zu seinem E-Mail-Postfach. Eine kleine, in Klammern stehende 1 erschien. Mit letzter Kraft las er die Betreffzeile: „Lieber Harald, herzlich willkommen im Intranet…“

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