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Die wilde Bande aus den Bergen und ihre überdurchschnittlich schnellen Fahrräder

Niemand spezielles scheint zuständig zu sein, für diese meine kurzfristig eingetretene Verwirrung. Wobei Verwirrung eigentlich nicht das richtige Wort ist. Verdrehung, Wirrsal oder Strudel treffen es auch nicht so recht. Es ist mehr eine allgemeine Unordnung des Geistes und des Umfeldes, ausgelöst durch wenig routinierte und vor allem wenig durchdachte Vorkommnisse. Das kann so gut wie alles bedeuten. Fangen wir also am besten von vorne an:

Es begann mit der Lektüre von „Der dritte Polizist“. Ich hatte mich in meine lesegewohnte Position begeben und war gerade an der Stelle, an der sich der Held vor zwei Polizisten rechtfertigen muss, niemals ein Fahrrad besessen zu haben, als es heftig an der Tür klingelte. – Das heißt jedoch nicht, dass jemand schwer gereizt immer und immer wieder auf den Klingelknopf drückte, denn eigentlich klingelt es an der Tür immer sehr heftig, was wohl an der Schelle an sich liegen mag. – Wie dem auch sei, brach ich flugs meine Lese-Session ab, um vor der Tür allerdings keinen Mensch, sondern bloß ein anonymes Paket vorzufinden. Ohne Absender lag es im Schnee auf der obersten Stufe der Eingangstreppe.

Für gewöhnlich bekomme ich nur flache Pakete. Ich bestelle sie absichtlich flach, damit sie irgendwie durch den Briefkastenschlitz passen. So muss ich mich nicht mit diesen ärgerlichen Post-Notizen rumschlagen, auf denen sehr kryptisch verzeichnet ist, wo der Bote mein Paket in meiner Abwesenheit hingebracht hat. Dieses Paket jedoch, war ziemlich groß. Es hatte ungefähr die Maße einer modernen Kaffeemaschine. Definitiv zu groß für den Briefkastenschlitz. Dennoch war es erstaunlich leicht, weshalb ich es ohne Probleme in mein Wohnzimmer tragen und dort auf den Tisch stellen konnte.

Es war mit Klebeband und Paketschnur verschlossen. Und als ich es geöffnet hatte, fielen schon die ersten Schaumstoffstückchen heraus, mit denen es, offenbar zum Schutze des Inhalts, bis obenhin gefüllt war. Mit beiden Händen griff ich hinein und zog an etwas Metallischem. Ich zog und zog und wunderte mich nicht zu knapp, als vor mir im Wohnzimmer plötzlich ein ausgewachsenes und offenbar nagelneues Bonanzarad stand. Es hatte einen wunderbar geschwungenen Lenker und das schwarze Sitzpolster beugte sich am Ende ein wenig nach oben. Die Rückenlehne war sauber verchromt und bei den ersten Runden durch das Wohnzimmer blies der Fahrtwind erfreulich angenehm durch meine geöffnete Jacke. Spontan fühlte ich mich um einiges freier, als noch vor knapp 23 Minuten.

Ich begann, im Internet zu recherchieren, was nun zu tun sei. Grundsätzlich sind Bonanzaräder Statussymbole von höchstem Wert. Eine prestigeträchtige Reise durch die angrenzende Nachbarschaft war also sowieso geplant. Fragte sich nur, was als Nächstes kommen sollte. Ungeduldig konnte ich nicht länger in der Stube sitzen und grübeln, schloss also meine Recherche mit einem Seufzer ab und stieg auf mein neues Tretross. Alles Weitere würde sich während der Fahrt ergeben, dachte ich mir, und sprang mit einer geübten 180 Grad Drehung durch die Küchentür auf die Straße.

Gleich zu Beginn gewann ich schnell an Fahrt, da ich meine Wohnungen grundsätzlich am Hang auswähle. Mit circa 180 Sachen glitt ich gemächlich in die Fußgängerzone. Vor mir sprangen die Passanten in die Eingangsbereiche der Drogerie- und Kolonialwarenläden. Die Einkaufsstraße war sehr lang und nicht wenige kleine Hunde fielen meiner rasanten Tour zum Opfer. Für einen kurzen Moment hörte ich Sirenengeheul hinter mir, das aber immer leiser wurde, je näher ich dem Rand der Innenstadt und so das eigentliche, urbane Ballungszentum verließ. Ich schnappte mir ein paar Bananen aus der Auslage des fahrenden Griechen, der jeden Donnerstag dort seinen Stand aufbaute und parkte schließlich auf einer Anhöhe in mittlerer Höhe des angrenzenden Berges. Von dort hatte ich einen phantastischen Blick bis hinunter ins Tal. Hier ruhte ich die nächsten Stunden in der Sonne und schloss ein wenig die Augen.

Als ich aus meinem Dämmerzustand wieder erwachte, lag die Sonne schon sehr flach über dem Horizont. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie endgültig untergegangen war. Ich beschloss nach Hause zu fahren. Der Dynamo funktionierte einwandfrei und unten im Tal leuchteten auch schon die ersten Straßenlaternen auf. Leichtfüßig schwang ich mich auf den Sattel, drehte mich um und blickte in die Augen wildgewordener Zwölfjähriger. – Erst eine Woche zuvor hatte ich von einer Bande Prä-Pubertierender gelesen, die ihr Unwesen in den umliegenden Bergwäldern führen würde. Passanten würden mit Hundekot beworfen, Schlaglöcher würden gegraben werden und mit Taubenurin gefüllt. Lächerliche und ausgesprochen widerliche Streiche aufmerksamkeitsbedürftiger Jugendlicher. „Was wollt ihr?“, bebte es aus mir heraus. Niemand sagte ein Wort. Sie stiegen auf ihre Fahrräder. Erst jetzt sah ich, dass auch sie nagelneue Bonanzaräder fuhren. Hatte ich mich vielleicht zu sehr nach vorne gewagt? War ich in ein Gebiet vorgedrungen, in dem die Farbe meines Rades als Provokation empfunden wurde? Eigentlich hätte ich die Bande hier aber gar nicht treffen können. In dem Bericht stand, sie würden sich niemals so weit an die Stadtgrenze wagen. Der Abend wurde immer mysteriöser.

Langsam trat ich das linke Pedal runter. Sie versperrten den einzigen Weg von der Anhöhe zurück in die Stadt. Was sollte ich tun, wenn nicht einfach an ihnen vorbei. Langsam. Bedächtig. Ohne schnelle Bewegungen. Die Taschen mit dem Hundekot hatten sie offen neben sich stehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich den ersten Dreck abbekommen sollte. Ich rollte langsam vorwärts. Immer noch rührte sich niemand. Schließlich war ich fast an ihnen vorbei, als einer der Zwölfjährigen mit seiner kleinen Hand an meine Rückenlehne griff. In wilder Panik trat ich mit aller Kraft in die Pedale und riss den Jungen so vom Sattel. Um mich herum leuchteten rote Augen auf und die Verfolgungsjagd begann. Wir rasten mit nahezu Schallgeschwindigkeit ins Tal hinunter. Hinter mir hörte ich die furchterregenden Grunzlaute, die alle Zwölfjährigen der Waldregion von sich geben, wenn sie mehr als wütend sind. Überall klapperte und rappelte es. Ich war mir nicht sicher, ob mein Rad diese Geschwindigkeit aushalten würde. Trotz seines neuen Zustandes. Aber mir blieb schließlich nichts anderes übrig. Nur eine Sache machte mir wirklich Sorgen. In knapp 456 Metern käme eine scharfe Linkskurve. Und zwar an einer Stelle, die für ihren Steilhang berühmt ist. Ich bereitete mich auf eine gefährliche Schräglage auf dem Schotterweg vor. Mit der Rücktrittbremse und einer ordentlichen Portion Chuzpe könnte ich die Kurve kriegen, ohne dabei die 700 Meter ins Tal zu stürzen.

Nur noch 200 Meter. Ich riss an der Bremse. Doch meine Schräglage war zu steil. Schon lag ich auf der Seite und rutschte über den Schotter dem Abgrund entgegen. Letztlich blieb mir nur eine Möglichkeit. Ich befreite mich irgendwie von dem Fahrrad und krallte meine Hände in den Erdboden. Das Fahrrad schoss ohne mich weiter dem Abgrund entgegen, während ich ein wenig langsamer, aber dennoch viel zu schnell, eine tiefe Rinne in den Weg pflügte. Durch meinen Absprung verlor ich den Vorsprung gegenüber den Zwölfjährigen. In ihrem Wahn dachten sie nicht daran abzubremsen und schossen unverändert rasant auf mich zu. Mein Rad war inzwischen den Abhang hinunter gestürzt. Soviel bekam ich in meiner Panik noch mit. Und auch mich schien es bald in die Tiefe zu ziehen. Der erste der Bande fuhr an mir vorbei. Bewarf mich dabei mit Kot, verfehlte jedoch. Der Zweite kam und raste ohne mich zu beachten weiter. Plötzlich gelang es mir eine Wurzel zu greifen. Ich riss sie mit aus dem Boden, kugelte mir beide Arme aus, hing mit der unteren Hälfte meines Körpers schon über dem Abgrund, hatte mich aber gerettet. Was man von den Zwölfjährigen nicht sagen konnte. Mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit fuhren sie allesamt über den Rand und fielen in das Tal hinunter. Niemals werde ich das grauenvolle Lachen vergessen, das sie, wie zum Abschied, noch einmal von sich gaben.

Irgendwie rappelte ich mich auf, ging zu Fuß den Rest der Strecke in die Stadt hinunter und nahm ein Taxi ins Krankenhaus. Dort angekommen ging ich ohne Umwege in die Notaufnahme und wackelte mit meinen beiden ausgekugelten Armen. Die zuständige Schwester musterte mich kurz und winkte einem Pfleger. Der packte mich, schleuderte mich gegen die Wand und hielt daraufhin seine Hand hin. Offenbar sollte ich ihm für seine grobe Art, mir die Arme wieder einzurenken auch noch Trinkgeld geben. Als ich mich weigerte, zog er die Augenbrauen zusammen und verdrückte sich. Schnell machte ich mich aus dem Staub und lief nach Hause.

In meinen Zimmern angekommen, wollte ich mich zur Entspannung wieder meiner Lektüre zuwenden. Doch ich konnte das Buch nicht finden. Ich hatte es definitiv neben meine gewohnte Lesestelle gelegt, doch jetzt war es verschwunden. Ich suchte in der gesamten Wohnung. Doch nirgends war es zu finden. Verwirrt, irritiert, die Wohnung in völliger Unordnung zurücklassend, legte ich mich aufs Bett und begann meine Erlebnisse zu notieren, in der Hoffnung, so den Aufenthaltsort des Buches nachvollziehen zu können.

Bisher leider ohne Erfolg.

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