feier

Auf der Feier schmolz er dahin

Wie gebannt starrten wir auf den Fleck, zu dem unser Kollege während seiner Rede zusammen geschmolzen war. Irgendwer warf seine Serviette, wohl als Respektsbekundung, in die Mitte der zähen Flüssigkeit. Sofort sog sie sich voll und auch andere warfen ihre Stofftücher dazu. Noch hatte niemand etwas gesagt. Mir lag zumindest ein erstauntes „Oh!“ auf den Lippen. Doch auch ich blieb lieber ruhig und wartete ab. Das Personal stand eigentlich schon in den Startlöchern, um uns das Dessert zu servieren, nur um jetzt völlig fehl am Platz, mit Vanille-Sorbet in den Händen, zwischen diversen Türrahmen zu verharren.

Als die letzte Serviette auf den Haufen geflogen war, kam ein junger Gehilfe mit Mopp und Eimer aus der Küche und wischte den Rest weg. Wir wussten schon lange, dass der Kollege bei uns unglücklich war. Viele tuschelten bereits in den Gängen und vor den Kaffeemaschinen. Würde er überhaupt zur Feier kommen? Und wenn ja, würde er vor versammelter Mannschaft seinem Frust freien Lauf lassen? Die Spekulationen über seinen Abgang waren kreativ und vielseitig. Und alle hatten sie mit einem Knall zu tun. Einem letzten Aufbäumen vor der Autorität, die ihn in den vergangenen Jahre offenbar so gestört hatte. Mit einem leisen, beinahe beiläufigen Dahinschmelzen während seiner Ansprache hatte niemand gerechnet. So war es auch nicht verwunderlich, dass wir alle erst einmal die Spannung von dem befürchteten, jedoch nicht eingetretenden Knall, verarbeiten mussten.

Der Küchengehilfe war schon lange mit unserem Kollegen im Eimer verschwunden, als immer noch Stille herrschte. Jeder hoffte auf irgendeine normale Geste von seinem Sitznachbarn, um endlich wieder in das gewohnte Stimmengewirr zu verfallen. Fieberhaft überlegte ich, was zu tun sei, um diesen Vorfall so professionell wie möglich abzutun. War es nötig einen Krankenwagen zu rufen? Oder die Polizei? Ein Mensch war schließlich verschwunden. So etwas wirft bei den Behörden normalerweise Fragen auf. Doch was sollte man ihnen erzählen? Dass den Kollegen sowieso niemand mochte? Dass er womöglich sogar verhasst war? Auf diese Weise würde man sich nur unnötig verdächtig machen. Andererseits war der Kollege aber auch schon aufgewischt worden. Ohne Leiche, kein Verbrechen. Dies realisierten auch ein paar andere und zaghaft wurde nach Brot gegriffen, Wein nachgeschenkt oder sogar Kräuterbutter auf gebratenes Rindfleisch gestrichen. Üblicherweise hätte eigentlich jemand eine flapsige Bemerkung machen müssen, es wäre gelacht worden und mit einem Mal, wäre es wieder genau so laut gewesen, wie vorher. Weil jedoch niemand eine Idee für eine solche Bemerkung hatte, wurde ein Flüstern erst zu einem Raunen, das Raunen zu einem Murmeln und nach endlosem Gemurmel endlich der erste Grunzlacher, das erste Kichern und schließlich ein ehrliches und wunderbar schallendes HA HA.

Teller, Glas und Besteck des Kollegen wurden schnell abgedeckt und der Stuhl in ein Hinterzimmer gebracht. Nur ein kleiner, nicht zu zuordnender Weinfleck blieb übrig und erinnerte an die ehemalige Existenz des Kollegen. Ich weiß noch, wie ich dachte, dass der Fleck niemals wieder rausgehen würde und der Kollege auf diese Weise für immer etwas hinterlassen hatte. Gleichzeitig dachte ich an mich selbst und mein eigenes Leben. Was hatte ich schon hervor gebracht? Würde etwas bleiben? Gab es Nachhaltigkeit in meinen Taten? Ich besprach das auch mit meinem Sitznachbarn. Leider kamen wir zu keinem befriedigenden Ergebnis. Keiner von uns hatte etwas Herausragendes geleistet. Nichts erfunden, keine Entdeckung gemacht, weder einen gesellschaftlich relevanten Beitrag geleistet, noch sich dafür eingesetzt, andere bei einem solchen Beitrag zu unterstützen. Sollte unser Leben so spurlos vorüber gehen? Sollte sich wirklich niemand an uns erinnern? Ein einfaches Dahinschmelzen, ohne Notiz von der Welt? Ich beschloss das nicht zu akzeptieren. Ich beschloss noch heute Abend etwas daran zu ändern.

Meine erste Anlaufstelle war die Personalabteilung, die nur einen Tisch weiter saß. Ich bot den Kollegen an, in Zukunft bei Themen zur Arbeitsplatzgestaltung federführend Stellung zu beziehen. Um meine Kompetenz unter Beweis zu stellen, schlug ich direkt diverse Verbesserungen des Arbeitsklimas vor. Schnell bemerkte ich jedoch, dass hier schon die dritte Flasche Remy Martín aufgemacht und meine Vorschläge weder gewürdigt noch zur Kenntnis genommen wurden. Härtere Bandagen mussten aufgezogen werden.  Mit einer spontan improvisierten Smartphone Präsentation, setzte ich mich meinem Chef direkt gegenüber. Auch hier hatte Alkohol bereits diverse Sinne vernebelt. Doch meine Argumente basierten auf dem effektivsten Mittel, die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu erlangen. Unter ohrenbetäubenden Quietschlauten leuchteten die schnell im Internet zusammengestellten Diagramme auf dem Bildschirm auf. Viele drehten sich zu mir. Und auch mein Chef schenkte mir die gewünschte Aufmerksamkeit. An dieser Stelle muss ich gestehen, nicht besonders gründlich in meiner Recherche gewesen zu sein. Das fiel auch meinem Chef auf, der nicht lange brauchte meinen Vortrag abzubrechen.

Mich verließ der Mut. Zu schnell vielleicht. Anders ist mein Verhalten jedoch nicht zu erklären. Frustration, Enttäuschung, Wut – wechselnde Emotionen. Ich setzte mich wieder auf meinen Platz und starrte auf die Fläche, auf der unser Kollege geschmolzen war. Gut möglich, dass dieselbe Gefühlsmischung für sein Schmelzen verantwortlich war. Er hatte vielleicht gehofft, mit dieser Aktion in Erinnerung zu bleiben. Dass die Taktik nicht aufgehen würde, konnte er ja nicht wissen. Wer ahnt schon, dass die anderen Kollegen kaum Notiz davon nehmen würden und auch die Angestellten des Etablissements seine Überreste direkt entfernen würden. Aus solchen Fehler galt es zu lernen, dachte ich mir. Wenn schon verschwinden, dann mit einem Knall. Kaum war dieser Gedanke durch meinen Kopf geschossen, pumpte mein Herz schneller. Unterbewusst wusste ich es bestimmt schon, trotzdem wurde ich von dem bevorstehenden Ereignis genauso überrascht wie alle anderen, an diesem Abend. Mein Herz pumpte schneller und schneller. Von unten herauf spürte ich einen steigenden Druck und mein Kopf wurde immer wärmer. Der Druck stieg, stieg immer weiter, verlagerte sich, konzentrierte sich auf einen Punkt unterhalb meiner Stirn. Ich spürte den Drang die Hände an den Kopf zu pressen, konnte mich aber beherrschen, während der Druck immer noch weiter stieg. Ich musste stehen, es ging nicht mehr anders. Alle Blicken lagen damit auf mir. Ich stand vor all meinen Kollegen, und mein Kopf verursachte unglaubliche Schmerzen. Von unten stieg der Druck und als ich dachte, es könnte niemals schlimmer werden, entlud er sich mit einem lauten Knall. In einem Umkreis von drei Metern um mich herum wurde alles und jeder mit Stücken meines Schädels, Blut und anderen Kleinteilen meines Gehirns besudelt. Ein Schrei ging durch das gesamte Kollegium. Fassungslos und in voller Panik rissen sie Stühle und Tischen um, trampelten sich nieder, nur um so schnell es ging den Raum zu verlassen. Auch die Angestellten hatten nichts anderes im Sinn als raus, raus, raus. Diesen Abend würde niemand vergessen. Dieser Abend würde für immer in ihrem Gedächtnis eingebrannt sein und ich würde mit diesem Ereignis für immer in Verbindung gebracht werden. Man würde sich an mich erinnern. Keine Frage.

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