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Die Situationskomik und der Antiheld

Lautes Jubeln und Grölen. Vor ihm dennoch schiefe Gesichter. Klar – schließlich war der Spruch nur auf ihre Kosten gelungen. Auf Kosten der Helden. Eine Sekunde Ruhe. Schließlich: Ein Mit-Held weist ihn auf eine offensichtliche Schwäche hin. Das war der Konter. Jetzt müsste er eigentlich wieder etwas erwidern, um die Suppe zu verrühren. Er kann es nicht. Die unangenehme Stille, die sich daraus ergibt, hat schon fast physische Auswirkungen. Jedenfalls entschließt er, schnell ein Glas Wasser zu holen. Das würde Zeit bringen. – Zu früh gefreut; ihm wird noch ein Spruch hinterher gerufen. Unmut macht sich breit. Das Jubeln, das eigentlich hätte kommen müssen, wird zu einem Zischen. – Heute beginnt es nicht gut. Die Menge weiß noch nicht, ob sie mag, was sie hört.

Er muss die Stimmung hochhalten. Das ist ihm klar. Und er hat dafür nur zwanzig Minuten Zeit. Das ist ihm auch klar. Die ersten fünf davon sind rum. Die Einführung. Die ersten Sprüche, die ersten Gags – er hat versagt. Wenn jetzt nichts Witziges mehr kommt, muss zumindest etwas Tragisches passieren. Oder noch besser, etwas Romantisches. Seine Rolle ist prädestiniert dafür. Denn er ist der Antiheld. Und zwar genauso, per definitionem: Mit attraktiver Hässlichkeit gesegnet, bedient er den Zynismus mit einer derartigen Perfektion, dass seine sonstigen Eigenschaften niemals zu einem überzeugenden Eskapismus führen könnten. Er bedient nur. Er steht daneben und feuert etwas in die zwischenmenschlichen Beziehungen hinein. Sperrfeuer für die johlende Meute.

Heute will er aber eigentlich nicht. Er fühlt sich schlecht. Zwanzig Minuten sind ihm schon lange zu kurz. Gerne würde er eine epochale Studie mit seiner zynischen Art vorantreiben. Allein die Chance gibt man ihm nicht. Er ist schließlich unabkömmlich. Wie sollten die wirklichen Helden denn ohne ihn auskommen. – Mit einem Glas Wasser wieder zurück. Vor der Sofagarnitur warten alle gespannt auf seine Reaktion. Er nippt kurz und gibt ein wenig unnützes Wissen von sich. Man kennt das von ihm. Eine perfekte Steilvorlage. Sie wird volley aufgenommen und mit einem sauberen Blattschuss verwandelt. Das Johlen und Grölen will gar nicht mehr aufhören.

Auftritt: die Heldin. – Sie hat nicht lange auf sich warten lassen. Pfeifen. Neckische Blicke. Die Menge freut sich. Die Helden behalten ihre Miene. Der Antiheld muss nervös werden. Auch dafür wird er gebraucht. Friendzone. Sie tätschelt ihm den Kopf. Zehn Minuten sind vergangen und die Krise muss sich jetzt oder nie auf welche Art auch immer jedenfalls kräftig entladen. Keine Zeit für große Erklärungen. Die Heldin spricht einen Helden an. Was heißt sie spricht; sie schreit. Er hätte sie betrogen, kaltblütig pubertierend eine andere mindestens genauso große Heldin den Heldendienst erwiesen. Der Held bestreitet. Seine Heldenfreunde pflichten bei. Ein Spruch, ein Gag, die Heldin zieht beleidigt ab. Lachen, Johlen, die Menge ist sich unschlüssig über das Verhalten des Helden. Ist er noch, der, der er sein soll? – Der Antiheld wird beauftragt klar Schiff zu machen. Er läuft der Heldin hinterher.

Der Antiheld schafft es die Heldin einzuholen. Er ist sich durchaus bewusst, dass er seinen Zynismus nur begrenzt einsetzen darf. Schließlich lässt die Begleitmusik auch gar nichts anderes zu. Die Heldin weint. Zu Recht. Der Antiheld tröstet mit leeren Worten, die man in solchen Situationen nun mal so sagt. Die Heldin ist nicht überzeugt. Der Antiheld würde ja sowieso nicht verstehen. Er ist eben nur der Antiheld. Also packt er alles rein, was er hat. Sein Trumpf ist seine naive Intelligenz. Er vergleicht; ach was – er beschreibt ein Gleichnis biblischen Ausmaßes. Schluchzen. Die Menge versteht und honoriert mit entsprechend beifälligem Geheul. Die Heldin verdrückt eine Träne. Ein kurzes Lächeln, vom Antihelden aufgegriffen und genutzt, um einen kleinen Gag anzubringen. Lachen. Die Heldin ist froh, dass es den Antihelden gibt. Sie umarmen sich. Die Menge ist beruhigt. Fast.

Denn noch steht es schlecht um den Helden. Der hat mittlerweile eine Krisenkonferenz mit seinen Mit-Helden abgehalten. Schließlich sind die Vorwürfe völlig aus der Luft gegriffen. Er erklärt sich. Er meint es ja nur gut. Es war ja gar nicht so, sondern vielmehr so und so. Die Mit-Helden verstehen. Eine Botschaft kommt durch. Die zwanzig Minuten sind fast rum, daher kann sie leider nicht so gut verpackt werden. Man kloppt sie der Menge lieber direkt mit der Moralkeule um die Ohren. – Alle verstehen und sind auch froh, dass der Held immer noch Held ist.

Der Antiheld bringt die Heldin zurück zum Helden. Sie stehen auf, reden gleichzeitig drauflos. Keiner versteht irgendwas. Es endet in Lachen. Alle haben eine Träne im Knopfloch. Der Antiheld haut einen Spruch raus; Lachen (schon wieder). – Der Held und die Heldin haben einen privaten Moment. Sie sprechen sich aus. Alles wird gut. Die Musik verspricht es. Die Menge weint. – Die Credits laufen.

Der Antiheld hat noch eine Sekunde. Diese Credit-Sekunde ist extra für ihn reserviert. Er steht noch einmal auf. Verbeugt sich und schließt mit einer klassisch zynischen Phrase. Der Schmalz wird verrührt. Legitimation für die nächsten zwanzig Minuten. Die Menge lacht und klatscht erleichtert: So ist er eben, unser Antiheld.

 

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