unordnung

Eine Handvoll Unordnung

Das Licht flackerte. Das Licht sollte nicht flackern. Bei ihm nicht. In den letzten 27 Jahren hatte dieses Licht nicht ein einziges Mal geflackert. Doch heute flackerte das Licht seiner Lampe. Eigentlich hatte er gegen eventuelles Flackern der Lampe vorgesorgt. Er hatte einen abgezählten Vorrat an Ersatzbatterien; wusste aber nur zu gut, dass seine Kollegen sich daran bedienten. Er plante das ein. – Dieses Flackern jedoch, und das darauffolgende Erlöschen der Lampe, hatte er nicht eingeplant. Heute nicht. Er ärgerte sich.

Seine Pause konnte er nun vergessen. Schlimmer noch, würde er seinen zweiten Rundgang später beginnen müssen. Er zwang sich, ruhig durchzuatmen. – Nachdem er wieder bei seinem Ausgangspunkt angekommen war, betrat er das kleine Büro und fand die andere Hälfte der Mittwochsschicht eingenickt vor den Bildschirmen der Überwachungskameras. Er stieß ihn an und teilte ihm mit, er müsste mal eben zu der Tankstelle an der Bornstraße, um Batterien zu kaufen. Sein Kollege nickte müde und gab ein schwaches Zeichen mit seiner Hand.

Die anderen Nachtwächter lachten über ihn. Das wusste er. Als störend empfand er das nicht. Lachten sie doch nicht eigentlich über ihn als Mensch, sondern vielmehr über das, was er aus dem Menschsein gemacht hatte. Sie lachten über seinen Plan; seinen Tagesplan. Denn jeder Tag unterlag den von ihm ausdefinierten Einteilungen, die auf plus/minus fünf Minuten genau waren. Mit Ende seiner Schicht, war jeder Tag der Woche penibel eingeteilt in Einkaufen, Essen, Freizeit, Schlafen und sonstige Bedürfnisse. Unterbrechungen, Pausen oder ähnliche Störungen wurden von ihm, so gut es ging, eingeplant und damit vermieden.

Ein Gang zu der Tankstelle an der Bornstraße war eine unvorhergesehene Störung; passte nicht in seinen Tag; nicht in seine Schicht; nicht in sein Leben – und konnte nicht eingeplant werden. Wenn er jetzt nicht Batterien kaufen müsste, würde er auf seinem Stuhl, vor seinem Spind, mit seiner Zeitschrift auf den Knien ein ThunfischBaguette essen. Es hatte 3,20 Euro gekostet und war ihm, wie jeden Abend, um 22:30 Uhr auf dem Weg zur Arbeit von dem Besitzer der Imbissbude in seiner Nachbarschaft überreicht worden. Wie jeden Abend seit 27 Jahren. Nun konnte er förmlich spüren, wie der Tomatensaft das Brot aufweichte und sich mit der Remoulade vermischte. Ungenießbar würde es sein, das Baguette. Er ärgerte sich.

Zu Fuß dauerte es zehn Minuten und die Batterien kosteten 4,95 Euro. Viel zu teuer, auch für jemanden, der eigentlich nicht geizig ist; der nur einfach nicht gerne spontan Geld ausgeben möchte. Das war unnötig. Diese 4,95 Euro würden an anderer Stelle fehlen, das wusste er. Erste Anzeichen von Nervosität machten sich bemerkbar. Nichts Großes. Ein Zucken am Auge, am Knie – eigentlich noch im normalen Rahmen. Nur der Kloß im Hals, dieses Gefühl im Hinterkopf. – Heute war er nicht auf alles vorbereitet. Hatte fahrlässig und unbedacht gehandelt. Denn normalerweise flackerte das Licht seiner Lampe nicht. Normalerweise flackerte gar nichts. ––

Normalerweise hätte er sich, wie jeden Tag, um 6:30 Uhr ausgestempelt. Er hätte dann ruhig und mit einer gewissen Würde, die ihm jeder seiner Kollegen neidlos zugestand, die Tür geöffnet und das Reinigungspersonal in das Foyer des Museums eingelassen. Seine Uniform trug er dabei mit Stolz. Er hatte sie in dreifacher Ausführung und jede Woche eine davon in der Reinigung. Donnerstags holte er sie immer ab. Das Reinigen kostete 7,50 Euro. Ein Sonderangebot, weil er schon seit 27 Jahren zur selben Reinigung ging.

Nachtwächter zu sein, war für ihn mehr als nur ein Beruf. Es war Lebenseinstellung. Umgeben von Kunst und Kultur, wurde er dafür sogar noch bezahlt, seine Ruhe zu haben. Was die meisten Menschen als langweilig empfanden, da die Exponate nur selten wechselten, schätzte er als Kontinuität. Regelmäßigkeit, Ordnung, die er in seinem Leben suchte, fand er in seinem Beruf; vermisste er in seiner Umwelt. Einer chaotischen Umwelt, voll von chaotischen Menschen wie zum Beispiel seinem Nachbarn. Dessen Unberechenbarkeit hatte er täglich vor Augen; schien sie mit Absicht von ihm vor Augen geführt zu bekommen; war durch seine Ordnungsliebe offenbar zum Störfaktor im Chaos des Nachbarn geworden. – Und heute würde der Nachbar mit Sicherheit die Diskrepanz des Plans bemerken. Er wird ihn verhöhnen, da war er sich sicher. Der Nachbar war nämlich alles andere als kontinuierlich. Als Ex-Bergmann, liebte er die Abwechslung im Gegensatz zur immer gleichen Eintönigkeit unter Tage. Die 45 Jahre, die der Nachbar unter der Erde verbracht hatte, waren von enervierend-routinierten Arbeitsschritten begleitet worden, die ihn bei Tageslicht ständig auf der Suche nach Zerstreuung sein ließen. Als sie sich kennenlernten, vor 27 Jahren, hatte der Nachbar ihm erklärt, dass er das Licht über Tage genießen wolle, um das Dunkel unter Tage erdulden zu können. – Sie mochten sich nicht; konnten sich nicht verstehen. Denn das Licht des Nachbarn, hatte ihn, den Nachtwächter, immer schon verwirrt; immer schon geblendet. Stammtischlicht, Schrebergartenlicht; lautes, grelles, schwattz-gelbes Licht. – Ein Licht, das dieser Nachbar ihm heute ins Gesicht halten würde. Da war er sich sicher.

Wegen des Flackerns war seine Schicht nicht wie gewohnt um 6:30 Uhr beendet. Die schnatternden Geräusche der tratschenden Frauen von der Reinigungskolonne waren daher schon zu hören, als er seine Uniformkrawatte langsam aufrollte und in das oberste Fach seines Spinds legte. Sein Kollege hatte sie offenbar rein gelassen. Wahrscheinlich tranig und unkonzentriert. Wie alles, was sein Mittwochskollege machte. An Würde ließ er es auch fehlen. Was dachten jetzt wohl die Reinigungsfrauen? Ob sie nach ihm gefragt hatten? Er musste sich beeilen, denn sie würden auch in die Umkleide kommen. Und wenn sie ihn mit runtergelassenen Hosen erwischen würden, könnte er sich das niemals verzeihen. Er zog sich so schnell an, wie er konnte und betrat das Foyer.

Die Putzkolonne hatte sich schon auf die einzelnen Flügel des Museums für Kunst und Kulturgeschichte verteilt und er wurde von niemandem gesehen, als er das Gebäude um 7:15 Uhr verließ. Viel zu spät. Der 456er am Hauptbahnhof startete um 7:16 Uhr. Das schaffte er nicht. Und wenn er nicht eine halbe Stunde warten wollte, was auf keinen Fall in Frage kam, musste er die 15 Minuten Fußweg auf sich nehmen. Eigentlich kein Problem. Nur für ihn war es eine schier endlose Tortur durch das Chaos des Großstadtverkehrs. Er hatte sein Schicht-Ende extra so gelegt, dass er seinen angestammten Sitzplatz im 456er bekommen konnte und so nur 4 Minuten im Straßenverkehr zu verweilen hatte. Diese Zeit war jetzt auf mehr als das Dreifache angestiegen. – Hilflos blickte er auf seine Armbanduhr und ging schnellen, staksigen Schrittes die Straße hinunter. Alle paar Meter sah er sich um oder auf seine Uhr und verlangsamte oder beschleunigte seinen Schritt. Auffallen wollte er nicht, zu spät kommen aber noch weniger. Dabei war er sowieso schon spät dran und verlor nun noch mehr Zeit. Zeit, die er für seinen Tagesplan benötigte und nun unwiederbringlich verloren war. Er joggte schon fast. Die Riemen seines Rucksacks waren zu locker und behinderten ihn beim Laufen. Er versuchte das zu ignorieren. Vielleicht könnte er die fünfzehn Minuten nutzen, um seinen Tag neu zu planen? Vielleicht hätte er doch eine Chance, heute nicht völlig die Kontrolle zu verlieren.

Es war Mittwoch. Er musste einkaufen gehen. Denn mittwochs ging er immer einkaufen. Bei dem Netto am Nordmarkt. Seit 27 Jahren ging er mittwochs bei dem Netto am Nordmarkt einkaufen. Er kaufte Milch, Lauch, Speck, Eier und Kartoffeln. Zwiebeln brauchte er nur jede zweite Woche. Mittwochs gab es nämlich immer Bratkartoffeln mit Speck, Eiern und Lauch. Er hatte das Geld für diesen Einkauf abgezählt in seiner Tasche.  6,40 Euro. Wenn er sich beeilte, könnte er die verlorene Zeit vielleicht aufholen. Er könnte die Kartoffeln ungeschält kochen und so mindestens zehn Minuten gewinnen. Oder die Zwiebeln viel grober schneiden, wodurch er vielleicht wieder ein paar Minuten gewonnen hätte. Den Rucksack einfach in der Ecke stehen lassen, konnte er nicht. Er würde möglicherweise im Weg stehen und wenn er um ihn herumgehen müsste, hätte er wieder Zeit verloren. Mindestens eine halbe Minute. – Völlig in Gedanken versunken und mechanischen Schrittes, hätte er fast die Kielstraße verpasst. Panik. Wo blieb die Konzentration? Der Umweg hätte ihn mindestens eine Minute gekostet. Eine Minute zu den unzähligen, die er seinem Plan hinterher hing. – Noch 400 Meter.

Vor ein paar Jahren war der Netto noch ein Plus. Die Umstellung brachte ihn fast um den Verstand. Plus war völlig anders eingerichtet als Netto. In den ersten Wochen nach der Umstellung verbrachte er mehrere Stunden täglich im Netto, um die perfekte Route für jede erdenkliche Einkaufsform zu erarbeiten. Wenn er zum Beispiel mittwochs Bratkartoffeln mit Speck kochte, wäre es ja völlig sinnlos, durch den Gang mit den Knabbereien zu gehen, weil er ja dann den Umweg über den Gang mit den Sanitärprodukten machen müsste, um zu den Zwiebeln zu gelangen. Er hasste nichts so sehr wie Ineffizienz. – Mittlerweile hatte er jeden Weg durch den Supermarkt fest in seinem Kopf verankert. Zielstrebig, wenn auch eine halbe Stunde zu spät, ging er auch an diesem Mittwoch an den Kassen vorbei direkt auf den großen Korb mit den Kartoffeln zu. Schock, ist wohl die mildeste Bezeichnung für das, was ihn nur Sekunden später kurz ins Wanken brachte. Die Kartoffeln, seine Kartoffeln – waren nicht da. Ausverkauft. Lieferengpässe. Wie auch immer, der Korb war leer. Es gab nur eine Alternative: Biokartoffeln. 50 Cent teurer. Er begann sofort, gehetzt wie ein wildes Tier, in seinen Taschen nach den extra 50 Cent zu graben. Ihm fiel der unplanmäßige Batteriekauf ein und entdeckte schmerzlich, dass er von den 6,40 Euro nur noch 1,45 Euro besaß. Mit Tränen in den Augen wurde ihm klar, dass er nun zu allererst nach Hause müsste, seine Bankkarte holen und dann zur Bank gehen. Insgesamt vier Häuserblöcke – direkt am Nachbarn vorbei. Dem Blender. Er stampfte mit den Füßen auf, die Tränen flossen ihm die Wangen herunter, seine Hände ballten sich abwechselnd zu Fäusten und entspannten sich wieder. Hin- und hergerissen konnte er sich nicht entschließen, loszugehen oder die Kartoffeln einfach zu stehlen, was seiner inneren Ordnung aber noch weniger entsprach. – Den Kopf voller Schimpftiraden auf sich und die Welt, quälte er sich in einer Mischung aus Gehen und Rennen nach Hause.

Sein Nachbar trug ein weißes Feinripp-Unterhemd, hatte seine fettigen grauen Haare streng zurückgekämmt und wollte gerade den Benzinrasenmäher starten, als er ihn um die Ecke hechten sah. Ein Blick auf die Uhr, ein Grinsen, mehr brauchte es nicht, um den staksigen Schritt in unelegantes Joggen zu verwandeln. Mit hochrotem Kopf versuchte er vergeblich die ironischen, mit Dialekt geprägten Sprüche des Nachbarn zu überhören und hastete vorbei. In einer gewandten und durchdachten Bewegung öffnete er seine Wohnungstür, griff auf das Schlüsselbrett, nahm sein Portemonnaie und zog die Bankkarte heraus, wobei er in derselben Bewegung die Tür wieder schloss. Diese perfekt ausgeführte Choreographie zauberte ihm ein Lächeln auf sein Gesicht und er hätte fast vergessen, dass er nun schon beinahe eine Stunde hinter seiner Zeit war. Dieser Moment dauerte jedoch nur den Bruchteil einer Sekunde. Sofort packte ihn wieder die Panik und er rannte nun wirklich, unter lautstarken „Hopp-Hopp!“s des Nachbarn, die Straße hinunter zum Bankautomaten. – Die Geschwindigkeit der Geld-Transaktion trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirn. Er hasste das aufscheinende „Bitte warten“ so sehr, dass es ihm sogar lieber gewesen wäre, wenn der Automat ihn als den Trottel beschimpft hätte, für den er sich in diesem Moment hielt. Endlich das Geld in Händen, sprintete er zurück zu Netto und ein weiterer Schlag durchfuhr ihn: Die günstigeren Kartoffeln waren aufgefüllt worden.

Das Licht flackerte. Blitze erschienen vor seinen Augen. Und auch wenn es den Umweg nicht überflüssig gemacht hatte – Netto, der Korb mit den Kartoffeln, all das war zu viel. Er taumelte nach draußen. Verschwitzt und durcheinander sah er nur das Flackern der Netto-Leuchte. Einen Schritt weiter und es wurde dunkel. Nichts. Kein Flackern. Kein Blitzen. Nichts.

Als er wieder zu sich kam, hatte er das Gefühl zu schweben. Er blinzelte in den Himmel, der ihn trotz der Bewölkung blendete. Unscharf konnte er die Konturen einer Frau erkennen. Ihr Kinn, von unten. Ihre Nasenlöcher. Ihre Haare, die vom Wind um ihren Kopf herum geweht wurden. – Er selbst schien auf dem Rücken zu liegen. Seine Beine knickten an den Knien ab und baumelten wie von einer Trage herunter. Sein Po und sein Rücken bis zum Kopf lagen auf einem weichen, wippenden Untergrund. Er versuchte ein Geräusch zu machen. Es klappte. Das Wippen hatte aufgehört. Die Frau sah zu ihm hinab.

Fragende Blicke. Plötzlich standen sie sich gegenüber. Ohne, dass er es bemerkt hatte, war der schwebende Zustand vorbei. Sie, ein bisschen kleiner als er, schlank und breit grinsend, fragte, wie es ihm ginge. Er, noch ein wenig benommen, lächelte schief und antwortete, indem er seinen Körper abklopfte und so Unversehrtheit bewies. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, woher das Schweben und Wippen gekommen war: Die Frau hatte ihn getragen – auf ihren unglaublich riesigen Händen.

Mit ihren jeweils mindestens fünfzig Zentimetern Durchmesser sahen sie aus wie zwei überdimensionale, fleischige Paddel. Die Handflächen, zwei rosige Leinwände mit einer Lebenslinie, so stark und tief wie ein Grand-Canyon-Modell, versuchten vergeblich schmal zu wirken, indem ihre Daumen fest an die kleinen Finger gepresst waren. Sie bemerkte seinen Blick, konnte ihn aber nicht einschätzen. Sie war eigentlich gerade auf dem Weg zur Arbeit. Als ausgebildete Massage-Therapeutin hatte sie einen Beruf gefunden, der die Größe ihrer Hände praktisch voraussetzte. Ihr sonstiges Leben, das Alltagsleben, in dem sie die einzige mit solch überwältigender Dysmelie war, versuchte sie mit einer guten Portion Selbstbewusstsein zu schützen. Und dennoch: Leicht war es nicht. Alleine auf dem Weg von zu Hause bis zu dem Unfall mit dem seltsam hektischen Mann war sie 7 Mal angestarrt, 8 Mal offensiv ignoriert und 26 Mal ausgelacht und mit ausgestreckten Fingern begafft worden. So wartete sie ab, wie er reagieren würde; was er als Nächstes tun würde.

Er, noch verwirrt durch das Unerwartete, versuchte unverzüglich das Geschehen in einen sauberen Erwartungshorizont aus Regelmäßigkeiten einzubetten. Sein Verstand musste sie verstehen – diese riesigen Hände, die so ausnehmend der Natur widersprachen. Es war schwer, das merkte er sofort, aber es musste gehen. Irgendwie. Aufgeben konnte er nicht. Auch nicht bei der größten Ungewöhnlichkeit, die ihn an den Rand der Blindheit zu blenden schien. Für ihn jedoch nur ein ungewöhnlicher Aspekt der Natur war; nur katalogisiert werden müsste. Sie bemerkte schnell, dass er Hilfe brauchte und lud ihn ein. Pommes Rot-Weiß war nicht weit. Dort ging sie immer hin. Dort konnte sie ungefähr abschätzen, wie man auf sie reagierte, weil es einer der wenigen Orte war, zu dem sie regelmäßig gehen konnte. Er bestätigte mit einem kurzen Nicken, dass er die Einladung annahm. Seinen Plan hatte er völlig vergessen. Diese Hände mussten zuerst einen Sinn erhalten, bevor er ihn weiter verfolgen konnte.

Sie sagte, sie hätte ihre Hände von ihrem Vater. Der war nämlich Kumpel, und als Kumpel bräuchte man große Hände. Sie standen an der Oesterholzstraße, in der Nähe zum Borsigplatz. Ein Platz, den er eigentlich mied, da sein Nachbar hier verkehrte und immer ganz laut „Schwattz-Gelb!“ rief, wenn er ihn sah, weil er wusste, dass ihn das zusammenzucken ließ. Es war ein sehr greller Platz. – Heute dachte er aber nicht daran; heute wollte er verstehen, wie zwei volle Currywurstschälchen auf nur einer ihrer Handflächen Platz finden konnten. Sie lachte. Er sagte, er verstehe ihre Hände nicht. Sie sagte, sie verstehe nicht, warum er überhaupt versuche, ihre Hände zu verstehen. Für sie war die Bedeutung klar: Chaos. Eine Laune der Natur. Eine Laune, die einfach bewies, dass die Natur machen konnte, was sie wollte, egal wie sehr der Mensch dagegen angehen würde. Diese Erklärung war für ihn nicht akzeptabel. Jedes Chaos konnte und musste beseitigt werden. Sie sah ihn skeptisch an, packte seinen gesamten Arm mit nur einer Hand und zog ihn in ihre Welt.

Eine Welt unterschiedlichster Facetten. Ein einziger Gang durch die Fußgängerzone provozierte jede denkbare menschliche Emotion. Ihre Hände waren der Punkt, um den sich alles drehte. Und es drehte sich ständig. Ihm wurde dabei schwindelig – allerdings auf eine gute Art, was ihn selbst am meisten überraschte. Diese Welt müsste für ihn eigentlich die größte Katastrophe bedeuten. Doch bewunderte er ihren Mut zum Chaos und wünschte sich, nur einmal seinen Plan vergessen zu können; nur einen einzigen Tag in dieser Welt leben zu können. – Als das Sonnenlicht ein letztes Mal über den Horizont flackerte und er nochmal Currywurst von ihrer Handfläche pickte, bemerkte er, dass dieser Tag gerade verging. – Er hatte sich verliebt.

Bei Pommes Rot-Weiß kostete die Currywurst 1,80 Euro. Er hatte das Geld abgezählt in seiner Tasche. In den ersten Tagen hatte er das noch nicht getan. Erst nachdem er drei Wochen jeden Tag am Borsigplatz vergeblich auf sie gewartet, konnte er seinem alten Verhalten nicht mehr widerstehen. Die tägliche Currywurst war längst in seinen Plan eingeordnet. Immer in der Hoffnung die Frau mit den Händen wiederzusehen; die Unordnung, das Chaos wieder zu spüren. – So vergingen sieben Monate.

Am ersten Tag des achten Monats stand er vor der Theke und bestellte gerade, als er von hinten lachend als Chaot bezeichnet wurde. Er drehte sich um und brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu erkennen, dass er niemals wieder jenen Tag von damals erleben würde. Sie stand vor ihm und drückte seine Hand. Ihre zarten Fingerchen schafften es noch nicht mal, sein Handgelenk zu umschließen. Sie erzählte, sie hätte das nicht mehr ausgehalten. Sie habe normal sein wollen. Insgeheim habe sie ihn um seine Ordnung bewundert, habe Teil seiner Ordnung sein wollen und das wäre nun endlich möglich. Die OP-Wunden seien abgeheilt, vorher habe sie nicht unter seine Augen treten können. Sie liebe ihn, sie wolle mit ihm zusammen das Chaos bekämpfen. – Er sagte nichts. Er starrte nur auf ihre Hände. Diese winzigen, ordentlichen, konformen Hände, die ihn so schmerzlich an seinen Ordnungswahn erinnerten. Dann bezahlte er die Currywurst. Gab ihr das dampfende Schälchen, das sie nur mit beiden Händen halten konnte und ging die Oesterholzstraße in Richtung Borsigplatz. Wie jeden Tag.

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