schmalz

Letzte Woche im Hörsaal

FAIL! Ich verzog das Gesicht. Was für Menschen sagen schon „Fail“? Error 404. Allzumenschliches Fassadendenken zu stark ausgeprägt. Ich stelle mich lieber ein bisschen weg. Um mich herum Pudelmützen, die gefaltete Blätter in Händen halten. Einige kritzeln noch schnell Änderungen in ihren Text. Ich nicht. Ich bin fertig. Bin mir nach diesem Kommentar jedoch etwas unsicher. Hätte vielleicht auch nicht unbedingt Einblick in meinen Beitrag geben sollen. Wofür gab es nochmal das Fail? Achja, wegen der Anonymität. Scheint nicht gut anzukommen, bei den Kollegen. Vor dem Vorhang ist es vielleicht anders. Aber hier, hinter den Türen, kurz bevor man das Podest betritt und seinen Text dem Hörsaal präsentiert, hier ist kein Pseudonym erwünscht. Auf der einen Seite die mit den Reimen, auf der anderen die mit den Botschaften. Bei mir reimt sich nichts und meine Botschaft ist relativ deprimierend. Dafür gibt’s bestimmt noch ein Fail. Lieber nichts mehr sagen und warten bis man dran ist. Noch zwei sind vor mir. Dann komm ich.

Die Regeln sind klar: Nur der Text und ich. Und nur fünf Minuten Zeit. Auswendig oder abgelesen ist egal. Der Text muss sitzen, muss fließen, muss eindringen, muss hängenbleiben, muss wichtig sein, muss relevant sein; braucht Rhythmus, braucht Stimmung, braucht dieses, na, diese Dings, womit er gut wird. Viele sind hier und sind der Meinung es zu haben, dieses Dings. Ich vielleicht auch. Vielleicht aber auch nicht. Das ich es vielleicht nicht habe, lässt meine Knie schlackern, meine Stirn schwitzen, mein Herz pumpen. Es muss wieder einer nach vorne. Ein junger Mann, mit schelmischem Blick und Routine in der Stimme. Er reimt. Er spricht von Liebe, von einer Frau. Er reimt vielleicht sich selbst zusammen. Es wird gelacht. Vereinzelt sieht man Zeigefinger an Wangen, mit Kinn in die Handfläche gestützt. Ernste, nickende Blicke. Er scheint im Hörsaal Zustimmung zu finden. Nachdem er angefangen hat, beginnen hinter der Bühne wieder ein paar zu kritzeln. Ich nicht. Ich will etwas anderes sagen. Will nicht reimen, will dagegen sein. Dagegen und dafür, ohne Hochmut, nur mit Bildern. Bildern von Fahrrädern und Taubenurin. Will den Menschen Mut machen. Mut zur Abschweifung. Mut mal Zeit für etwas anderes zu haben, um Mut für den Angriff der Realität zu bekommen. Mut mal nicht den Zeigefinger an die Wange zu legen. Der Zeigefinger gehört nach vorne. Vielleicht auf die Tischplatte. Vielleicht in die Nase. Aber nicht konzentriert an die Wange. Bin mir nicht sicher, ob Taubenurin und wildgewordene Zwölfjährige das hinkriegen. Vielleicht eher der Text über die Zeit? Oder explodierende Kröten? Nein, jetzt weiß ich, der Text mit dem Schmalz. Denn am Ende braucht man den Schmalz. Sich nicht reimender Schmalz. Damit wird es gehen.

Der junge Mann erntet Applaus. Er hat es gut gemacht. Er hat es routiniert gemacht. Die Reime haben gegriffen. Die Baseline hat gestimmt. Baseline. Die meisten wissen, darauf kommt es an. Ich weiß das auch. Zerstückele meine Baseline aber trotzdem. Mit Absicht. Jetzt kommt eine junge Frau. Sie hat die Baseline verinnerlicht. So sehr, dass ihr Text darauf basiert. Sie spricht auswendig. Spricht von wenig Zeit, von Prokrastination. Oh ja. Das kennen wir alle. Wir kennen es, und sie macht es zum Rhythmus ihres Texts. Es ist gut. Es ist stimmt alles. Und es ist identisch mit dem Taubenurin und dem Fahrrad und dem „keine Zeit“ und „spät dran“ und ich stehe hinter dem Vorhang und denke nur „Fail“ und ich falte meinen Text auseinander und sehe 12-Ton-Musik für die man sich Zeit nehmen muss, anstatt einen Popsong, den man einfach nur schlürfen kann; und spätestens jetzt weiß ich, dass ich hier komplett falsch bin. Hier geht es um den Rhythmus, um fünf Minuten Baseline, um eine urban-street-melodie in der Stimme. Nicht um den Versuch einer Deutung der Realität anhand abschweifender Gedankengänge in schlechter Tonlage mit wechselndem Rhythmus/Lautstärke/Intensität. Trotzdem bleibe ich beim Schmalz. Keine Verse. Einfach nur Text. Zücke den Stift und streiche sogar noch den letzten Rest von Baseline heraus. Besinne mich auf das, was ich bin, was ich kann, was mir selbst bleibt. 12-Ton-Ironie. Impro-Sarkasmus; vereint mit bitterem Nicht-für-das-hier-geschaffen-sein. Es ist nun mehr ein Zustand als ein Text. Mehr ein Gefühl als ein Beat. Vielleicht nichts für den Hörsaal, aber für mich. Ein Zustand für mich, gelesen von mir, gehört von anderen. Von Zeigefingern an Wangen. Von Menschen, die eine Baseline erwarten und in fünf Minuten auf den Punkt kommen wollen. Nur funktioniert es so nicht. FAIL!

Es fehlt mir das Schmalz. Kein Hirnschmalz oder Muskelschmalz: eher Lebensschmalz als magisches Elixier. Nicht in wunderschönen Kristallkaraffen. – Nein – In Eimern. Aus Blech, oder Blei. Oder noch besser aus Holz. Alte, halb verrottete, mit-Grünspan-verklebte Holzeimer. Darin gibt’s das Schmalz. Und wenn man das hat, dann ist man erfolgreich. Dann ist man ein Macher. Dann trägt man dunkelblaue Hemden mit weißen Krägen.

So etwas hab’ ich aber nicht. Hab’ noch nicht mal ‘nen Eimer. Ich hab nur ‘ne Tupperdose. Und da ist auch kein Schmalz drin. Da ist der Nudelauflauf drin, den ich mir vom sonntäglichen Essen bei Muttern mitgenommen hab’.

Also muss ich ohne Schmalz loslegen. Muss einfach den Nudelauflauf aufessen und raus gehen. Auf die Straße. – Man hört von so vielen Leuten, die auf der Straße begonnen haben. Haben Sachen verkauft, oder gekauft, oder so. – Ich könnte dumme Sprüche verkaufen. Oder die besten Tricks, wie man nur reden und nichts tun kann und trotzdem jeden Abend was Warmes zu essen kriegt. Dafür wird mir aber keiner etwas geben wollen. Denn das gehört zum menschlichen Basiswissen. Jeder kann das. Deswegen hab ich auch noch keinen Erfolg. Und deswegen bin ich auch nicht sexy. Nur wer Schmalz hat, ist sexy. Schmalz macht sexy. Nudelauflauf nicht.

Zum Glück steht jedem ein bisschen Schmalz zur Verfügung. Das bisschen Überlebensschmalz, das uns zu Optimisten werden lässt. Das muss man irgendwo einsähen und dann kann man irgendwann noch mehr Schmalz ernten. Motivationsschmalz. Entstanden aus kleinen Schmalzkörnern, eingepflanzt in eine satte Erde. Und das hab ich ja wohl drauf. ‘N bisschen Schmalz sähen. Muss nur noch die Erde finden. Also Äcker. Ich brauche Äcker. Wie die hübschen Prinzen in den Märchen. Die kriegen alle Land, und haben dann Schmalz und die Liebe einer schönen Prinzessin.

Nein. Das wird so nichts. Da fehlt nun mal dieses, na, dieses Dings halt. Auch keine gute 12-Ton-Ironie. Das ging schon besser. Denkt sich vielleicht auch der Hörsaal. So gut wie alle Zeigefinger sind jetzt an Wangen. Schlimmer noch: Augenbrauen ziehen sich zusammen. Es wird getuschelt. Getuschelt! Bisher hatte noch niemand getuschelt nach einem Text. Es ist vermutlich das erste Mal, dass überhaupt jemals getuschelt wurde in diesem Hörsaal, in dieser Stadt, in diesem Land, auf dieser Welt, nach einem Text. Was tue ich? Ich gehe. Ich gehe hinter die Bühne. Alle Gesichter sagen „FAIL!“ sagen „hättest du doch lieber noch ein wenig rumgekritzelt.“ Ja, vielleicht. Das nächste Mal. Doch niemals mit Baseline, niemals mit urban-street-melodie, niemals mit Versmaß. Scheiß auf die Zeigefinger.

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