roman

Wer ist Roman Raskol?

Die Frage müsste eher lauten: Wo ist Roman Raskol? Hier? Ist er wieder da? Denn eigentlich hatte ihn Wiktor das letzte Mal gesehen, als er 17 Jahre alt war. Damals verdächtigte man ihn des Raubes und wollte ihn dafür auch zur Rechenschaft ziehen. Roman Raskol hatte ihn ins Verderben bringen wollen, vermutet Wiktor noch heute. Es ist schon viele Jahre her und Wiktor weiß nicht mehr genau, ob, und wenn ja, warum er nur so kurz im Gefängnis gewesen war. Woran er sich jedoch ganz genau erinnern kann, heute, wenn er die Zeit findet, in seinem geräumigen Büro einmal den Gedanken freien Lauf zu lassen, ist das Verschwinden Roman Raskols. Schon allein deshalb, weil er es mit aller Gewalt fossiert hatte.

Roman Raskol war Deutscher. Oder Russe? Wiktor ist sich nicht sicher. Es könnte sein, dass Roman Raskol nach dem Krieg auf der Flucht vor der Sowjet-Armee nach Deutschland ging, und dort auch gleich zwei Silben seines Nachnamens verschwinden ließ. Wie dem auch sei. Kennengelernt hatten sie sich in den sechziger Jahren in der Oblast Donezk, einem Verwaltungsbezirk der Ukraine. Kurz nachdem der von Schwerindustrie geprägte Bezirk sein Gedenken an Stalin aufgab, kurz nachdem Wiktors Mutter gestorben war, kurz bevor sein Vater neu geheiratet hatte und als er gerade bei seiner Großmutter einzog, geriet er in einen ersten Konflikt mit Roman Raskol.

Wiktor war ein Einzelgänger mit großem Talent zur Agitation. Aufgewachsen zwischen den Schornsteinen der großen Fabriken, vertrieb er sich die Zeit mit Rumlungern, Zigaretten rauchen und konspirativen „kleine Jungs“-Treffen, zu denen sich meist auch die Kinder aus der Nachbarschaft gesellten. Wiktor führte sie an. Er hatte die Ideen. War immer der erste, wenn wieder neue Zigaretten oder eine Flasche Vodka besorgt werden mussten. Und auch wenn er sich heute nicht mehr so ganz genau erinnert, er müsste eigentlich auch ausschlaggebend an dem Vorfall mit dem russischen LKW-Fahrer beteiligt gewesen sein. Der Vorfall, der damals für umfangreiche Ermittlungen und zahlreiche Schlagzeilen gesorgt hatte. Es hieß der Fahrer hätte gerade den Hänger schließen wollen, um mit einer neuen Ladung Kupferrohre in Richtung Westeuropa zu starten, als eine Gruppe Jugendlicher aus einer nahe gelegenen Garage stürmten, den Fahrer überwältigten, und Rohre in hohem, nicht zu beziffernden Wert, gestohlen hätten. Wiktor, gerade 17 Jahre alt, war kein Unbekannter, und wurde natürlich von der Polizei zu diesem Vorfall ausführlich befragt. Roman Raskol wollte ihn damals auf das Verhör vorbereiten, geriet mit Wiktor jedoch in Streit über den Anteil Wahrheit, dem Wiktor, nach Roman Raskols Meinung, einen viel zu geringen Stellenwert gab. Die Auseinandersetzung eskalierte schneller als gedacht. Wiktor wusste sich nicht anders zu helfen und schlug mit dem erstbesten, was er in die Finger kriegte, auf Roman Raskol ein. So kam es, dass Wiktor Roman Raskol mit einer Axt den Schädel spaltete und daraufhin den Polizeibeamten alles Mögliche, nur nicht die Wahrheit erzählte.

Das war vor 47 Jahren. Danach war Wiktor erst Installateur, Autoschlosser und Mechaniker mit anschließender Führungsposition in einem angesehen Automobilunternehmen, bevor er Ende der neunziger Jahre in die Politik ging und nach fünfjähriger Abgeordnetenzeit im Parlament schließlich Ministerpräsident wurde. Wiktor hatte sich von ganz unten nach ganz oben gekämpft. An Roman Raskol hatte er bei seinem steilen Weg an die Spitze des Staates keinen Gedanken mehr verschwendet. Nur um 2004 herum, als er für das Amt des Präsidenten kandidiert hatte, kam ihm Roman Raskol kurz wieder in den Sinn. Wiktor meinte ihn sogar zwischen all den orangen Fahnen und mit orangen T-Shirts bekleideten Protestlern gesehen zu haben. Wenn Wiktor aber mal jemandem den Schädel gespaltet hatte, dann war es demjenigen im Allgemeinen nicht mehr möglich einfach wieder aufzutauchen. Aber vielleicht war Roman Raskol in dieser Hinsicht anders? Früher war er schon relativ hartnäckig gewesen. Hatte oftmals rumgeschrien und getobt. Wurde angelockt von Vorwürfen, die Wiktor sich in jungen Jahren noch selbst machte. Denn es gab eine Zeit, in der Wiktor noch Skrupel empfand. Eine Zeit in der nicht jede seiner Handlungen seinem, Wiktors, eigenem Vorankommen geschuldet war. Doch lässt sich die Erinnerung an diese Zeit, auch und vielleicht sogar besonders heute, leicht nach hinten drängen. Ganz nach hinten von Wiktors Gedanken. Noch vor dem Ort, von dem aus Roman Raskol sich meist auf den Weg gemacht hat, um Wiktor Vernunft einzubläuen.

Die Orangen hatten ihn schwer beschädigt. Wiktor war damals sehr wütend. Er schaffte es jedoch Roman Raskol mit eingeschlagenem Schädel gefangen zu halten, hinten, ganz hinten. Roman Raskol müsste sich erst durch eine Wand aus Verdrängtem kämpfen, bevor er Wiktor verunsichern könnte. Und dann würde ihn Wiktor einfach wieder mit der Axt empfangen. Allein, das war nicht nötig. 2006 und 2007 waren Jahre der politischen Verwirrung. Erneut schaffte er es, zum Ministerpräsidenten ernannt zu werden und fuhr seine Linie gegen EU und NATO. Wurde jedoch schon ein Jahr später von den Orangen wieder entmachtet. Wiktor würde sich aber wieder erkämpfen, was die Orangen ihn gekostet hatten. Da war er sicher.

2010 war Wiktors Jahr. Nicht nur konnte er seine größten politischen Konkurrenten endgültig vernichten, nein, auch Roman Raskol hatte er offenbar für immer in die Tiefen seines Unterbewusstseins verbannt. So konnte Wiktor der ganzen Welt ohne mit der Wimper zu zucken erklären, dass Staat und Gericht definitiv unabhängig voneinander waren, selbst wenn die Anführerin, seine erklärte Erzfeindin, vor Gericht stand und keine besonders guten Aussichten auf juristischen Erfolg hatte. Der Strafprozess verdüsterte zwar die Beziehungen zu potenziellen Partnern im Westen, ließ ihm aber genug Zeit Vorbereitungen zu einem Bündnis mit dem Einigen Russland zu treffen. Wiktor wusste was Roman Raskol dazu sagen würde, konnte aber weiterhin erfolgreich jeden Gedanken an den Zerschlagenen verdrängen und suspendierte im November 2013 die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU, um die „nationalen Sicherheitsinteressen zu wahren und die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland zu beleben und den inneren Markt auf Beziehungen auf gleicher Augenhöhe mit der EU vorzubereiten“. Wiktor war Souverän; war unbesiegbar; unantastbar; hatte Roman Raskol für immer besiegt und rieb sich genüsslich die Hände.

Eine Woche herrschte stiller Protest. Für Wiktor war es ruhig. Dementsprechend überrascht war er, als ihm mitgeteilt wurde, dass vom Maidan die Rufe nach seinem Rücktritt erschallten. Tausende Stimmen schrien und tobten. Für Wiktor fühlte es sich an, als ob das ganze Land nur noch aus Roman Raskols bestehen würde. Und wie damals, mit 17, sah er nur eine Lösung: Er griff nach dem erstbesten, was ihm in die Finger kam, in der Hoffnung damit die Stimmen verstummen zu lassen. Er versammelte seine Berkut und schickte sie los. Sie würden den Roman Raskols auf dem Maidan die Schädel einschlagen. Wiktor würde sich diesmal endgültig von ihm befreien. Die Berkuts würden das für ihn erledigen. Doch so einfach ging es nicht. Die Berkuts ließen Roman Raskol nur noch lauter werden. Wiktor verbot die Stimmen auf dem Maidan. Wollte sie zwingen nach Hause zu gehen. Bestellte Polzisten auf den Maidan. Ließ schießen. Tötete Menschen. Entführte und folterte. Doch scheiterte trotzdem. Die Stimmen blieben. Und Roman Raskol wurde stärker.

Langsam kamen Wiktor Zweifel. War Roman Raskol nicht vielleicht doch Russe? Und waren die Russen nicht seine Freunde? Hatte er vielleicht den Fehler gemacht den einzigen Freund, den er jemals hatte, brutal nieder zu schlagen? Die Stimmen auf dem Maidan waren womöglich Roman Raskols letzte Möglichkeit auf Wiktor einzugehen. Wie war der vollständige Name? Wie lauteten die letzten Silben, die Roman Raskol auf der Flucht abgelegt hatte? Raskolnilkow. Romanowitsch Raskolnikow. Nein. Rodion Raskolnikow. Rodion Romanowitsch Raskolnikow ist Wiktors Schuld. Ist sein Schuldbewusstsein. Wiktor erwartet ihn nach jeder Entscheidung, die er trifft, seitdem er versucht hat, ihm den Schädel einzuschlagen. Doch Rodion Romanowitsch Raskolnikow kann man nicht den Schädel einschlagen. Er ist derjenige mit der Axt und zögert nicht, Wiktors Schädel für ein Schuldgeständnis zu zerteilen. Was bleibt ihm noch, Wiktor dem Präsidenten, wenn das ganze Land nach Raskolnikow schreit. Er muss Zugeständnisse machen.  Die Regierung muss zurücktreten. Anti-Versammlungsgesetze müssen aufgehoben werden. Wiktor weiß das, doch Wiktor selbst will bleiben. Er war schon einmal mit der Axt erfolgreich. Warum nicht ein zweites Mal?

(Fortsetzung folgt…)

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