Krawatte

Der Krawattenknoten des Todes

Holm ist verunsichert. Ohne Hosen steht er nur in Hemd und Socken in der Mitte des Wohnzimmers. Es stört ihn nicht, dass sein alter Feinrippslip relativ zerfranst aussieht. Niemand würde es bemerken. Holm denkt nach. Wie würde er sich entscheiden? Wie viele Schlingungen würde er in Kauf nehmen? Zwei? Drei? Keine?! Je weniger desto besser. Glaubt Holm. Weiß es aber nicht genau. Wichtig ist in jedem Fall, die richtige Krawatte auszusuchen. Und es kommt nur eine Krawatte in Frage: die dunkelblaue Seidenkrawatte.

Das erste Mal trug er sie zum Geburtstag seines Großvaters. Ein spießiger Kotzbrocken von einem Grßoßvater, der immerzu korrekte Kleidung erwartete. Auch und gerade von Holm. Holm der Taugenichts, bei dem immer und zu jeder Zeit Schmalhans Küchenmeister ist und war und sowieso. Holm suchte daher wie wild nach der einzigen Krawatte, die er besaß, der dunkelblauen Seidenkrawatte, und machte einen gehörigen Aufstand. Schrie und spie und fand sie schließlich in der hintersten Ecke seines Wandschranks. Holm knotete sie mit einem einfachen Windsor um den Hals und ging auf den Geburtstag seines Großvaters. Verächtlich blickte dieser auf den schlecht gebundenen Knoten und wollte gerade die üblichen Schimpftiraden loswerden, als ihn ein Herzschlag ereilte und er mit dem Gesicht in den mit Kerzen überquellenden Geburtstagskuchen stürzte. Holm erschrak einen Augenblick, seine Großmutter erkannte aber sofort die Macht der Krawatte. Was sonst, sollte seinen despotischen Großvater getötet haben? Wohl kaum das Alter, schrie die alte Frau und kreischte etwas von Fluch und Verderben. Es musste der Krawattenknoten sein. Holm hatte Bedenken, wurde aber von seiner Großmutter schreiend umgestimmt. Sie befahl ihm, der Menschheit einen Gefallen zu tun und von nun an seine Unfähigkeit eine Krawatte zu binden, für das Gute einzusetzen. Mit großer Macht kommt große Verantwortung. Holm sollte sich auf die Suche machen, auf die Suche nach dem Knoten der totalen Zerstörung. Ein Knoten so mächtig, dass er alle Despoten dieser Welt auf einmal vernichten konnte. Ihm war klar, dass ein einfacher Windsor niemals ausreichen würde. Doch welcher könnte es sein? Holm steht in seinem Wohnzimmer und ist verunsichert.

Der einfache Windsor (schlecht gebunden) ist die tödlichste Nahkampfwaffe in der Militärgeschichte. Holms zufällige Entdeckung wird von Verteidigungsministerien auf der ganzen Welt kopiert. Mit mehr oder weniger großem Erfolg. Es lässt sich leider nicht vollständig nachvollziehen, wie schlecht Holm den Windsor gebunden hatte. Geht es dabei nur um die falsche Längenverteilung? Das heißt, muss das dünne Ende einfach nur länger als das Dicke sein? Oder muss der Knoten an sich so schief sein, dass er kaum am Hals hält? Oder vielleicht eine Kombination aus beidem? Die militärischen Einheiten zur Erforschung der tödlichen Eigenschaften des Windsorknotens, die M.E.T.Wi.Ks, erreichten bisher nur schwere Verletzungen. Die ganze Welt schaut auf Holm und erwartet Ergebnisse. Seine Verunsicherung ist angesichts dieses großen Drucks also mehr als verständlich.

Die logische Fortsetzung des einfachen Windsor ist der doppelte Windsor. Benannt nach dem Herzog von Windsor, ist dieser Knoten ideal für Hemden mit weit auseinander sitzenden Kragenecken. Hierbei kann ohne Weiteres mit dem doppelten Windsor der Zwischenraum ausgefüllt werden. Die Größe und Dicke des Knotens lässt also auch auf doppelte Schlagkraft vermuten. Holm greift an das breite Ende und lässt es weit hinunter hängen. Mit der rechten Hand führt er es nach links über das schmale Ende und unter dem schmalen Ende herum. Durch die entstehende Schlaufe zieht er es über den Knoten zum Körper hin. Zufrieden blickt er auf das breite Ende. Es hängt rechts unten und ist damit genau in der richtigen Position. Bisher ist der Knoten perfekt geknüpft. Wie eine Waffe sieht er nicht aus. Holm vermutet, dass er im zweiten und wichtigeren Teil einen Fehler einbauen muss, um die tödliche Kraft zu entfesseln. Er greift das breite Ende und schlägt es links um den halben Knoten herum. Er zieht es jetzt von unten durch die den Hals umgebende Schlaufe, verdreht dabei das breite Ende ein wenig und lässt es anschließend lieblos über den halbfertigen Knoten hängen. Konzentriert steckt Holm danach die Spitze unter der äußeren Lage des Knotens hindurch, verzichtet aber auf das behutsame Festhalten und mit einem Ruck zieht er den Knoten am schmalen Ende fest. Ein rumpelndes Geräusch lässt Holm aufhorchen. Was ist passiert? Ein Blick aus dem Fenster gibt Aufschluss. Die Straßenbahn ist entgleist und hat einen meckernden Rentner umgerissen. Kurt M., ein stadtbekannter Quengler, berühmt dafür, falsch parkende Autos bei der Polizei anzuzeigen, liegt blutüberströmt am Boden. Kurt M. ist verstummt. Holm macht sich Notizen. Offenbar sind vor allem ältere Mitmenschen von den beiden Windsors bedroht. Aufschlussreich.

Schlichte Eleganz ist schon immer Holms Stil gewesen. Der Nicky Knoten ist schonend und einfach. Damit sollte er sich, wie die Kalaschnikow, als robuste Allzweckwaffe eignen. Holm sieht dabei vor allem nahöstliche Krisengebiete als Nutzer dieses Knotens. Dabei besteht eindeutig die Gefahr terroristischer Entfremdung von Holms Forschungsergebnissen. Jeder Waffenkonstrukteur der Geschichte stand bereits vor diesem Dilemma. Dienen Waffen schlussendlich niemals alleine der Friedenssicherung. Was soll das überhaupt sein? Mit Waffen den Frieden erzwingen? Jeden töten, der nicht friedlich ist? Holm sieht dahinter keine Logik. Er möchte die Krawattenknoten für das Gute einsetzen. Und bisher gelang es ihm auch, nur „schlechte“ Menschen zu beseitigen. Wobei „schlecht“, wie jedes Wort, individueller Definitionen unterliegt. Was für den einen „schlecht“ ist, ist für den anderen mehr als gut. Holm ist dabei sich in dem allgemeinen Superhelden-Paradox zu verlieren. Wer ist er denn schon, zu entscheiden, wer dem Knoten zum Opfer fällt und wer nicht? Dabei übersieht Holm eine fundamentale Tatsache: Bisher tötete der Knoten von sich aus und entschied auch selbst, wer ihm zum Opfer fallen soll. Holm ist nur der Zünder, der Auslöser, der Handlanger des Knotens. Holm sollte sich Gedanken machen, wie er den Willen des Knotens steuern kann. Denn auf Dauer kann selbst die schlichte Eleganz des Nickys nicht darüber hinweg täuschen, dass hier eine Katastrophe bevorsteht. Der Nicky ist ein sogenannter Inside-Out-Knoten. Das heißt, dass er später die Naht versteckt. Er ist heimtückisch und verspricht kaltblütige Brutalität. Holm braucht länger als gedacht, ihn fertig zu binden und es ist bereits tiefe Nacht, als er ihn ein wenig krumm zurrt. Die Wucht der darauf folgenden Explosion reißt Holm von den Füßen. In den Nachrichten verfolgt er gebannt die Geschehnisse. Nur ein paar Straßen weiter ist das U-Förmige Gebäude der Schufa Holding praktisch in sich zusammen gebrochen. Der Nachrichtensprecher erklärt gerade, dass alle Daten unwiederbringlich verloren gegangen sind. Mehr noch: Alle offenen Forderungen der erfassten Daten sind auf mysteriöse Weise digital als erledigt und auch bei den angeschlossenen Instituten in diesem Sinne vermerkt worden. Offenbar hatte Holm mit einem schiefen Nicky die Bundesbürger schuldenfrei gemacht. Unfassbar.

Die Bundesregierung tobt. Langsam dämmert Holm die Tragweite seiner Knoten-Experimente. Es sind nicht allein als „schlechte“ Menschen gekennzeichnete Personen des alltäglichen Daseins betroffen. Nein. Es ist vielmehr der Versuch die komplette Gesellschaftsordnung auf den Kopf zu stellen. Wie soll Holm das alleine verantworten? Der Regierungssprecher und der Bundesstaatsanwalt haben sich für den Nachmittag angekündigt. Man wolle einmal ungezwungen über die nächsten Schritte sprechen. In keinem Fall, sie wiederholten sich, auf gar keinen Fall soll Holm ohne professionelle Aufsicht den nächsten Knoten binden. Holm hat noch immer den Nicky um den Hals. Vielleicht ist es sein Anblick im Spiegel, aber Holm denkt gar nicht daran zu warten. Die Neugier zu sehen, was der nächste Knoten bewirken könnte, ist zu groß. Holm hängt die Enden der Krawatte locker um den Hals und beginnt den Kent. Der Kent zeichnet sich durch die geringste Anzahl von Schlingungen aus. Er ist klein und einfach zu binden. Trotzdem braucht man ein gewisses Talent, wenn der Kent richtig sitzen soll. Aber das soll er ja nicht. Holm dreht den breiteren Teil um 180 Grad, so dass die Naht nach vorne zeigt. Es geht dabei um den Halt nach der nächsten Schlingung. Das breite Ende unter dem schmalen hindurch und wieder zurück darüber. Noch eine innere Schlingung mit dem breiten Ende und dann durch die sich dadurch ergebende Schlaufe. Holm zerrt ihn kräftig zu einer symmetrischen Form.  Da er eigentlich asymmetrisch sein sollte, ist das der Fehler, der den Kent so tödlich macht. Holm wartet gespannt. Nichts passiert. Holm ist beunruhigt. Bisher gab es jedes Mal einen Knall. Stille scheint umso gefährlicher zu sein. Dann klingelt das Telefon. Der Regierungssprecher ist dran. Was ihm einfiele? Er sollte doch warten! Holm soll sich auf eine längere Haftstrafe gefasst machen. Die Verurteilung ist praktisch schon durch. Er sei ja selbst schuld. Jegliche bürokratische Hürden seien nun aufgehoben. Holm ist verwirrt. Was sei denn passiert? Nichts, kreischt der Regierungssprecher. Alle Akten haben sich auf ein Minimum reduziert. Somit braucht es auch keinen großen Apparat mehr, um etwas passieren zu lassen. Die deutsche Bürokratie, die gefürchtetste der Welt, ist dem Erdboden gleich gemacht. Alle Anliegen werden ab sofort unkompliziert und ohne große Genehmigungen, vor allem aber ohne Wartezeiten sofort und unbürokratisch erledigt. Das Hinhalten hat ein Ende. Das worauf sich Politiker vier Jahre lang bis zur nächsten Wahl hätten ausruhen können, sei vernichtet. Es müsse nun direkt und im Sinne des Volkes gehandelt werden. Denn sonst gäbe es einen radikalen Führungswechsel. Die Regierung beginnt zu schwitzen. Ab sofort scheitert niemand mehr an Passierscheinen im Sinne des A 38!

Holm sitzt im Gefängnis. Einzelhaft. Ohne Krawatte. Er versteht nicht, wie das passieren konnte. Nie hatte er bewusst die Ereignisse steuern wollen. Der Knoten hat doch alles von selbst gemacht. Der Knoten ist schuld! Niemand glaubt ihm. Die Bundesregierung klagt ihn wegen Sabotage an. Verurteilt ihn wie einen Spion aus Zeiten des Kalten Krieges. Holm ist frustriert und traurig. Er wollte doch eigentlich die Welt retten. Wollte ein Superheld sein. Er dachte, die Regierung als die Guten, würde seine Leistung anerkennen. Holm hatte sich geirrt. Und der Knoten ruft immer noch nach ihm. Tief hinten in seinem Kopf ruft der Knoten, ruft die Krawatte nach weiteren Taten. Aber wie soll Holm das bewerkstelligen. Seine Krawatte haben sie ihm abgenommen. Die Matratze, ruft der Knoten. Reiß die Matratze auseinander und binde aus dem Bezug eine Krawatte. Holm zerrt an dem Stoff. Im Nu hat er einen schönen Streifen heraus gerissen und legt ihn sich um den Hals. Der Four-in-Hand, der einfache Krawattenknoten, soll der letzte sein, den Holm bindet. Benannt nach den gebundenen Halstüchern der Kutscher des 18. Jahrhundert in London, die den Knoten einfach gebunden hatten zum Schutz vor Wind und Nässe, und four in hand, weil meist 4 Pferde angespannt waren, bietet der Knoten durch seine leichte Asymmetrie, seine Schlankheit ein besonders sportliche und lässige Erscheinung. Er passt zu allen Krawatten, ist leicht zu binden und vor allem für Anfänger sehr gut geeignet. Holm braucht keine Minute, um das Breite über das Dünne, dahinter die Schlaufe und das breite Ende durch die Schlaufe zu ziehen. Ein wenig schief und durch die Geschwindigkeit mit der nötigen Fehlerquote bestückt, entwickelt der Four-in-Hand eine unbeschreibliche Kraft. Holm wird an die Zellenwand geschleudert. Der Knoten zieht sich zusammen. Er drückt ihm immer stärker die Luft ab, während sich überall auf der Welt die Diktatoren an den Hals greifen. Baschar al-Assad versucht seinen Four-in-Hand zu lockern, Kim Jong-Un reißt verzweifelt seine Augen auf und befiehlt ein Messer zu holen, Omar Hassan al-Baschir lässt von einer seiner Frauen ab und packt stattdessen einen seiner Minister am Kragen, Islam Karimow sitzt gerade beim Essen und versucht instinktiv mit dem Brotmesser seine Krawatte zu durchtrennen, Robert Mugabe ärgert sich doppelt an einem so heißen Tag eine Krawatte umgebunden zu haben und schwitzt vor Entsetzen, König Mswati III. trägt eigentlich nie Krawatte, nur heute wollte er aus Respekt vor westlichen Besuchern seinen guten Willen demonstrieren, Alexander Lukaschenko denkt in seinem letzten Atemzug an seine glorreichen Erfolge während der Sowjet-Zeit zurück und stirbt, wie alle anderen, mit blutunterlaufenen Augen, verrenktem Hals und einem perfekt gebundenen Four-in-Hand.

Holms Wärter hört Geröchel aus der Zelle. Schnell sucht er nach dem Schlüssel. Endlich kann er die Tür öffnen, findet Holm jedoch in seinen letzten Zügen auf der Pritsche. Die eingeleitete Rettung kommt zu spät. Holm stirbt. Als offizielle Todesursache wird Selbstmord diagnostiziert. Offenbar konnte er mit der Schuld nicht leben, sagt der Regierungssprecher später bei einer offiziellen Pressekonferenz.

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