Bügelfalte

Die Bügelfalte des Todes

Stefan sieht es nicht ein. Das Hemd zerknittert – na und? Niemals würde er der Glattheit seiner Kleidung so viel Raum zu gestehen, dass sie beginnt Macht über ihn auszuüben. Die Falten in seinem Hemd sind viel zu unwichtig, im Vergleich, um sich so intensiv mit ihrer Bekämpfung zu beschäftigen. Die Menschen seines Umfeldes sehen das anders. Mit immer neuen, sich aber eigentlich doch jedes Mal wiederholenden Argumenten, drängen sie ihn zum Bügeln seiner Hemden. Beinahe aus Trotz hatte Stefan sich deswegen im letzten Herbst einen Stapel Flanellhemden besorgt. Denn Flanell hat die wunderbare Eigenschaft eventuell vorkommende Verknitterungen nicht besonders offensiv zu zeigen. Außerdem sind die Hemden schön weich und warm.

Im Büro ist es aalglatt. Die Damen und Herren tragen Bluse und Blazer in Feinstaub-Polyester mit messerscharfen Bügelfalten. Vor allem die Hosenfalten sind praktisch härter als Stahl. Nicht selten sieht Stefan diverse Kollegen Apfelsinen, Kuchenstücke oder gar ganze Brote mit den Falten ihrer Hosen in fein säuberliche Streifen schneiden. Es ist aber nicht bloß diese widernatürliche Funktion, mit denen die Kollegen ihre Glattheit demonstrieren; es ist vor allem diese selbstverständliche Überheblichkeit in ihrem Handeln. Als ob die ganze Welt mit Bügelfalten Obst zerschneiden würde, und als ob dies, die alles bestätigende und Existenz definierende Wahrheit wäre. Stefans Wut gegenüber solchen Allgemeinplätzen kennt kein Maß. Für ihn ist die glatte Falte der Inbegriff der Herdenmoral. Diese Menschen bügeln sich in Reih und Glied, bügeln ihren Verstand glatt und sauber. Keine Ecke, keine Kante, nichts stört sie in ihrem einfachen Glattsein, ihrem Dasein in dieser platten Welt, mit platten Menschen und platten Horizonten. Stefan schwellt mit Stolz seine zerknitterte Brust. Er ist anders. Er ist verknittert.

Und währenddessen fließt das Blut in den Straßen. Jeden Abend melden die Medien neue Schauergeschichten über aufgeschlitzte Menschen in den Gassen der Städte. Ein Terror geht um. Keine Spuren hinterlassend. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Wer tötet diese Menschen? Ob Einzeltäter oder räuberische Bande bleibt vollkommen ungeklärt. Erstaunlich vielseitig sind die Spekulationen der glatten Gesellschaft. Asylanten sind es, sagen die Rechten. Konservative Spießer, sagen die Linken. Gelangweilte Reiche, die Armen. Unzufriedene Arme, die Reichen. Fakt ist: Jedes Opfer liegt aufs Grausamste verstümmelt mit einem tiefen Schnitt quer über den Bauch auf dem Rücken im Dreck. Die Gesichter, Angst verzerrt, blicken gen Himmel und somit dem Unglücklichen, der die Leichen findet, direkt in die Augen. Wäre das allgemeine Verlangen nach glattem Alltag und platter Normalität nicht so groß, kein Mensch würde sich mehr auf die zerknitterten Straße wagen. Denn jeden kann es treffen. Der Mörder hat offenbar keine Zielgruppe. Ihm ist das wahllose Töten alleine Rechtfertigung für seine Taten.

Natürlich ist auch in Stefans Büro diese Mordserie Dauerthema an den Kaffeemaschinen und Druckern der endlosen, anonymen Gänge. Sehr glatt wird da diskutiert, welch verknitterte und asoziale Person dort sein Unwesen treiben muss. Wie kann dieser Mensch es wagen, die friedliebenden Menschen dieser ruhigen Welt mit blutigen Ecken und brutalen Kanten aus der Bahn zu werfen? Und könnte mal endlich jemand an die Kinder denken!? Gerade sie sind es doch, die an diesen chaotischen Verhältnisse am schlimmsten zu leiden haben. Kleine brave Kinder. Mit roten Bäckchen und geraden Scheiteln. Gerade erst bringt man ihnen das Bügeln ihrer Kleidung, ihrer Gedanken, ihres Lebens bei und schon werden sie mit der zerknittertsten Unmoral der Welt konfrontiert. – Stefan steht dabei, sein Flanellhemd gegen seinen Willen ein wenig zurecht gezurrt, um ja nicht in Verdacht zu geraten, und nickt, Zustimmung heuchelnd. Denn ja: Es ist schlimm. Und ja: Menschen sollten nicht aufgeschlitzt werden. Doch erkennen diese glatten Eierköpfe denn nicht, dass Verknitterung manchmal nötig ist? Ist ihnen denn nicht bewusst, was reine Glattheit mit jedem Gedanken macht? Stefan wagt nicht, diese Fragen laut zu stellen. Sie würden ihn nicht verstehen. Sie würden ihn vielleicht sogar des Mordes bezichtigen. Doch Stefan ist unschuldig. Dass das einmal von vornherein klar ist. Nur weil Stefan es nicht einsieht, sein Hemd zu bügeln, ist er noch lange nicht in der Lage ein Blutbad anzurichten. Seine Kollegen würden es ihm jedoch auch nicht zutrauen. Letzten Endes beachten sie ihn und seine Verknitterungen ja überhaupt nicht. Selbstverständlich wäre es weitaus angenehmer, würde auch Stefan darauf achten, gebügelte Hemden und Hosen zu tragen. Aber so lange er es nicht tut, wird er eben einfach übersehen.

Stefan stört das nicht. Er will nur seine Ruhe. Er möchte einfach nur in Ruhe sein verknittertes Hemd tragen, in seiner verknitterten Wohnung wohnen, verknitterte Bücher lesen und verknitterte Gedanken denken. Und wenn er ganz ehrlich ist, interessiert es ihn auch überhaupt nicht, ob Menschen, glatt oder nicht, in den Straßen verbluten. Wer auch immer der Verursacher sein möge, Stefan respektiert die verursachte Verknitterung der Gesellschaft und belässt es dabei.

Wochen vergehen, weitere Menschen sterben, ohne dass die Exekutive nennenswerte Fortschritte macht. Doch ein Muster wird deutlich. Ein Bekennerschreiben bleibt immer noch aus, doch offenbar geht es dem Unruhestifter um die aller Glattesten. Jedes Opfer war in hohem bis höchstem Maße gebügelt, gestriegelt, glatt gestrichen in Aussehen, Verhalten und Charakter. Nur die unterwürfigsten, moralisch allgemeingültigsten, glatten Herdenmenschen sind anscheinend das Ziel des Bauch aufschlitzenden Verknitterers. Die Folgen sind vorhersehbar. Die Glatten verknittern zusehends. Wer vorher Wert auf schön gebügelte Kleider mit gerader Falte und perfekt ausgezirkeltem Einstecktuch gelegt hat, sieht sich nun gezwungen Hemd und Hose aus dem Schrank zu nehmen, wie er sie gerade vorfindet. Die Menschen zerren wahllos ihre Kleider hervor und haben plötzlich viel mehr Zeit. Zeit, die sie einerseits nutzen, um Angst vor dem Tod zu haben und andererseits, um sich Gedanken über ihre erzwungene Verknitterung zu machen. Jedoch keine wirklich gehaltvollen Gedanken, was genauso vorhersehbar ist. Anstatt ihre verknitterte Individualität zu erkennen und zu definieren, orientieren sie sich an anderen vormals Glatten. Wer von denen, die einstmals Opfer hätten sein müssen, es jetzt scheinbar nicht mehr sind, hat die Verknitterung am besten vollzogen? Wurde jemand identifiziert, erfolgt die Kopie. In der Folge wird die Verknitterung zu glatter Regelmäßigkeit und die Menschen sterben weiter.

Stefan hält an seinen Flanellhemden fest. Denn knittrig sind die ja sowieso. Und Außerdem wird sein verknittertes Wesen ihn schon schützen, denkt er sich. So ist er auch einer der wenigen die nicht verängstigt durch die Straßen hasten. Und so fällt ihm auch sein Verfolger nicht auf, als er eines Abends auf dem Weg von der Arbeit nach Hause ist. Seine Gedanken irgendwo, nur nicht an die drohende Gefahr gerichtet, schlendert er in unregelmäßigem Tempo über den Gehsteig. Eine dunkle Gestalt, in ihrer Bedrohlichkeit auffallend gestrafft, nähert sich ihm von hinten. Stefan biegt gerade in eine Seitenstraße als ein formvollendeter Fußtritt ihn niederschmettert. Auf dem Rücken liegend, starrt er in das ausdruckslose Gesicht eines glattrasierten Mannes. Ohne Regung, ohne mit der Wimper zu zucken, beugt sich dieser zurück und hämmert Stefan sein Schienbein in den Bauch. Ein lautes metallisches Klirren lässt Angreifer wie Opfer erstarren. Stefan tastet sich ab, blickt panisch an sich herunter. Nichts. Kein Blut. Kein aufgeschlitzter Bauch. Der Moment der Verwunderung ist nur kurz. Der Angreifer tritt erneut zu. Stefan schleudert zurück. Wieder klirrt es. Wieder zeigt der Tritt keine Wirkung. Erst jetzt erkennt Stefan die Absicht des Mörders. Mit frisch gereinigtem Anzug und messerscharfer Bügelfalte will er ihm den Bauch aufschlitzen. Aalglatt, gebohnert, gewachst, mit scharfen Linien vom Scheitel bis zur Sohle ist dieser Mensch eine einzige knitterfreie Kampfmaschine. Doch irgendwas funktioniert nicht. Der Angreifer ist irritiert. Wieso liegt Stefan nicht sterbend in seinem eigenen Blut auf dem Boden? Was auch immer der Grund sein mag, Stefan nutzt das kurze Zögern seines Gegners und schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. Unter wilden Flüchen stürzen sie aufeinander. Mehr ringend als kämpfend rollen sie über den Boden, stoßen Mülltonnen um, versuchen sich gegenseitig zu würgen, bis nichts mehr geht. Erschöpft fallen sie auseinander. Der Angreifer ist solche Gegenwehr nicht gewohnt und Stefan gleichfalls konditionell nicht besonders gut aufgestellt. Wütend und schwer atmend, starren sie sich an. Langsam wird beiden klar, was Stefan gerettet haben muss. Sein verknittertes Flanellhemd hat die scharfe Klinge der Hosenbügelfalte abgewehrt. Im Gegensatz zu denen der Herdenmenschen sind die Verknitterungen bei Stefan echt. Nicht als Schutz vor einem Mörder, sondern als Ausdruck gegen eine allzu glatte Menschlichkeit von alleine entstanden, sind sie der perfekte Schutz. Sein Gegner schnaubt. Stefan sieht ihm seine Frustration an. Seine gebügelte Art ist nur aufgesetzt. Wird von ihm nur benutzt, im Kampf gegen die allgemeine Glattheit der Herdenmenschen. Sie sind sich ähnlich – Stefan und der Mörder. Der einzige Unterschied ist vielleicht die Wut und die Brutalität. Im selben Moment muss auch der Mörder diese Seelenverwandtschaft erkannt haben. Er erhebt sich. Klopft seinen Anzug ab. Zupft die Bügelfalte zurecht. Wirft einen letzten Blick auf den noch immer am Boden liegenden Stefan – und flüchtet.

Und plötzlich hört das Morden auf. Keine aufgeschlitzten Bäuche mehr. Keine neuen Hiobsbotschaften in den abendlichen Nachrichten. Aber auch kein Täter. Kein Geständnis. Keine Lösung für dieses Rätsel. Stefan hat brav seine Aussage gemacht. Doch niemand glaubt ihm. Warum sollte ausgerechnet er, den brutalsten und gefährlichsten Verbrecher der Geschichte, überwältigt und beinahe gefasst haben? Die Polizei schickt ihn nach Hause. Im Büro erwähnt er den Vorfall gar nicht erst. Und die Menschen werden wieder knitterfrei. So schnell die Verknitterten mit der Angst zum Vorschein kamen, so schnell verschwinden sie wieder in der Versenkung, als die Gefahr offenbar vorbei ist. Stefan wundert sich nicht. So ist er nun mal, der Herdenmensch. Insgeheim meint er jedoch zu wissen, warum das Morden so plötzlich endete, warum niemandem mehr der Bauch aufgeschlitzt wird. Es ist die Angst des Mörders, plötzlich verwundbar zu sein. Niemand, der sich für unbesiegbar hält, verkraftet eine Niederlage so ohne weiteres. Wie einfach, denkt Stefan, wie normal, wie gewöhnlich, wie glatt war doch dieser Mörder und ist somit zuletzt seiner eigenen unverknitterten Art zum Opfer gefallen.

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