nichts

Nichts Sehen, Nichts Hören und Nichts Sagen fahren nach Hamburg

Wir erinnern uns an nichts. Wir haben weder etwas gesehen, noch etwas gehört und können dementsprechend nichts darüber sagen. Sehen uns auch nicht genötigt, Stellung zu beziehen. Ja, wir waren anwesend. Ja, es war hell erleuchtet. Alle Laternen an. Feuer brannten. Autos lagen auf der Seite. Polizisten stürmten von hier nach dort. Wir wissen nicht, wann wir das erste Mal das Wort „Gefahrenzone“ gehört haben. Auf der Schanze wurden wir oft kontrolliert. Nicht öfter als andere. Aber womöglich öfter als die meisten. Trotzdem erinnern wir uns an nichts.

Das stimmt. Wir sind an jenem Tag, morgens, gegen 8.30 Uhr in den Zug gestiegen. Mittags kamen wir dann in Hamburg-Altona an. Der Bahnhof war mit Menschen gefüllt. Und ja, wir trugen schwarze Jacken. Wir tragen aber immer schwarze Jacken. Es ist Winter. Im Winter ist es kalt, und wenn es kalt ist, trägt man Mütze. Deswegen haben wir auch jeweils eine Mütze getragen. Nach dem Versammlungsrecht, besteht eine Anmeldungspflicht ab zwei Personen, die öffentlich ihre politischen Ansichten vertreten. Ja – wir waren zu dritt; können uns aber nicht daran erinnern, öffentlich unsere politische Meinung kundgetan zu haben. Was meinen Sie? Welche Meinung wir haben? Natürlich das Übliche: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Er ist für Freiheit, er für Gleichheit und er für Brüderlichkeit. Warum also laut unsere Meinung kundtun, wenn diese Meinung doch sowieso klar sein sollte. Andere Meinungen hören wir nicht, sehen wir nicht und sprechen auch nicht darüber. Nicht aus Ignoranz, vielmehr aus gesundem Menschenverstand. Wer etwas anderes meint, als Freiheit für jeden und alle und das immer und überall, dem gehört nicht zugehört.

Ob wir es haben kommen sehen? Nein. Wir haben nichts gesehen und nichts gehört. Und wir können nichts darüber sagen. Wir aßen nachmittags auf der Reeperbahn ein Fischbrötchen. Wir hatten Hunger. Ein Mädchen mit rosa gefärbten Haaren lief an uns vorbei und murmelte etwas vor sich hin. Wie gesagt, wir haben nichts gehört, es könnte aber etwas gewesen sein wie: „Hab’ nichts zu verbergen, hab’ nichts zu verbergen, hab’ nichts zu verbergen“. Wir beschlossen daraufhin ein wenig durch die Straßen zu schlendern. Wir wurden sofort und spontan, ohne jegliche Begründung, kontrolliert. Vielleicht haben wir dort zum ersten Mal das Wort „Gefahrenzone“ gehört. Wenn auch undeutlich und dumpf. Gefunden haben sie nichts. Ab diesem Zeitpunkt fühlten wir uns regelrecht verfolgt. Wir hatten uns eigentlich schon lange auf den Trip gefreut. Wollten in aller Ruhe nichts sehen, hören oder sagen. So wie früher, als es auch noch nicht nötig war. Als man nach Hamburg fahren und sich dies und das ansehen konnte, in Voraussetzung, dass es gar nicht unbedingt viel zu sehen, zu hören oder zu sagen gab. An diesem Tag, frühestens seit dem Mädchen mit den rosa gefärbten Haaren, spätestens aber seit unserer Kontrolle, war alles ganz anders.

Der Abend kam langsam, sehr langsam und zäh. Ungewöhnlich warm war es. Wir saßen im Hafen auf einer Bank und schauten den Schiffen zu. Vor uns waren Pflastersteine losgebrochen worden und hinter uns wurde ein Laden für Feuerwerkskörper leer gekauft. Eine Möwe pickte nach Brotkrumen, die wir ihr hingeworfen hatten. Neben uns fragte ein amerikanisches Ehepaar nach dem Weg zur Reeperbahn. Wir versuchten einen Witz über Amerika zu machen. Es fiel uns allerdings keine gute Pointe ein. Schließlich war es doch zu kühl und wir gingen zu dem Hotel, in dem wir übernachteten. Rock’n’Roll Hotel. Wir wurden mit Schnaps begrüßt und jemand mit langem Bart und kleinen Augen fragte, ob wir wegen der Demo gekommen wären. Wir wussten genau wovon er sprach, sagten aber trotzdem, wir überlegten noch. Er starrte uns misstrauisch an und kippte seinen Schnaps. Ja – wir hatten keine Chance. Obwohl wir nichts sahen, nichts hörten und fast gar nichts sagten, hatten wir keine Chance unpolitisch zu sein. Der Wirt zeigte uns unsere Zimmer. Ein rotes, ein schwarzes, ein graues. Wir konnten uns nicht einigen, wer welches bewohnen sollte. Schließlich packten wir unser Zeug in irgendeinen Schrank im Flur und beschlossen, in der Nacht wieder zu kommen, wenn es dunkel wäre und wir die Farben der Zimmer nicht mehr erkennen könnten.

Im Winter wird es schnell dunkel. An diesem Abend in Hamburg aber womöglich noch schneller als sonst. Kalt war es eigentlich nicht. Trotzdem zogen wir unsere Mützen tiefer in die Stirn. Wir wurden erneut kontrolliert. Immer noch fanden sie nichts. Ja – später sollten sie etwas finden. Ganz recht. Doch wurde uns das untergeschoben. Von wem? Schwer zu sagen. Wir sahen nichts und hörten nichts. Vermutlich Menschen anderer Meinung. Menschen, die uns diffamieren und hinter Gitter bringen wollten. Schubladenmenschen. Wir trugen ja immerhin schwarz. Einer von uns, wir wissen nicht mehr wer, hatte einen entsprechenden Schal umgebunden. Grund genug uns etwas unterzuschieben. Am frühen Abend hatten wir allerdings andere Sorgen. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort, wo wir etwas trinken könnten, stießen wir auf eine große Ansammlung junger Menschen. Wir gingen das Schulterblatt entlang und nein, wir konnten keine Schilder sehen, konnten keine Choräle hören, können nichts zu irgendwelchen Vorkommnissen sagen. Es ist immer voll auf der Schanze. Warum sollte dieser Abend anders sein? Wir gingen in den Flora Park und setzten uns. Zum Glück spürten wir noch etwas. Auch ohne zu sehen oder zu hören oder zu sprechen, wussten wir alle drei, dass etwas im Anflug war. Vielleicht der angekündigte Wintereinbruch? Schnell liefen wir zur nächsten U-Bahnhaltestelle in der Hoffnung dort einen Kaffee trinken zu können. Uns wurde immer kälter. Neben uns zogen die Menschen in alle Richtungen dahin. Ihre Münder standen weit offen und ihre Gesichter waren rot erleuchtet von Feuerwerk. Keine drei Schritte hinter, uns fuhren blaue Wagen vor mit leuchtender Schrift. Polizei, stand da. Uniformierte sprangen raus und liefen an uns vorbei zu den Menschen mit den roten Gesichtern und den offenen Mündern. Uns blieb nichts übrig. Schnell schnappten wir uns die paar Dinge, die wir vorfanden und liefen hinterher. Doch laufen, ohne hören, sehen oder sprechen, ist laufen gegen die Wand. Wir wurden gestoppt, rutschten hin und her, bekamen drei Steine in die Hand, wussten nicht, was wir damit anfangen sollten. Niemand erklärte es uns. Am Ende brannte praktisch alles und wir standen mitten auf der Reeperbahn. Einer von uns, wir wissen nicht mehr wer, nahm seinen Kaffee und schüttete ihn über seine Schulter nach hinten. Erst empörte sich jemand darüber, dann war alles nur noch rot oder schwarz.

Sie trugen riesige Jacken, ihre Köpfe wirkten unglaublich klein. Wir versuchten immer wieder an ihnen vorbei zu kommen, doch sie stießen uns zurück. Wir deuteten an, ins Hotel zurück zu wollen. Sprechen konnten wir nicht. Aber diesmal wollten die Menschen in den großen Jacken, mit den kleinen Köpfen und der Aufschrift „Polizei“ auf dem Rücken, nichts hören oder sehen. Sie blickten über uns hinweg und stießen uns zu anderen Menschen, die vielleicht auch nur nach Hause wollten. Wer kann das schon so genau sagen? Wir bestimmt nicht. Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt mit niemandem gesprochen. Waren nur auf der Suche nach dem gewesen, was wir von Hamburg kannten. Konnten es aber nicht finden. Dann muss es passiert sein, in der allgemeinen Verwirrung. Wir konnten es nicht hören oder sehen, aber es muss ganz bestimmt an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt passiert sein. Wir klopften unsere Jacken ab und fanden jeder das Gleiche hinten links in unseren Gürtel gesteckt. Ohne zu wissen, was wir damit auslösen würden, sprangen wir erneut gegen die Menschen mit den großen Jacken und den kleinen Köpfen, um endlich weg zu können. Doch stattdessen packten sie uns, stießen uns immer weiter. Eine Straßenbahn hielt uns schließlich auf. – Urplötzlich ging ein Zögern durch die Menge. Warum? Woher sollten wir das wissen. Alle zögerten. In allen Kanälen herrschte absolute Ruhe. Kein Zwitschern war zu vernehmen. Doch nicht lange, da wurde es laut. Ein Kiefer soll gebrochen worden sein. Jemand soll David angegriffen haben. Alle schrien es, alle beschuldigten alle. Voller Angst griffen wir an unsere Gürtel. Das schienen die anderen bemerkt zu haben. Wir wurden an die Straßenbahn gedrückt. Die Hände nach oben. Sie tasteten uns ab. Sie fanden, was in unseren Gürteln steckte. Sie fanden die Bürsten und hielten sie hoch.

In der Gewahrsamszelle saßen bestimmt noch mehr Menschen. Sehen oder hören konnten wir sie nicht, schon gar nicht mit ihnen sprechen. Wir ärgerten uns über die vergeudeten Kosten für das Hotel, denn die Nacht ging langsam zu Ende und morgen müssten wir wieder zurück. Als der Himmel nicht mehr schwarz, sondern schon blau war, ließen sie uns gehen. Alle Menschen waren weg. Nur ein paar Steine, ein altes Auto und unzählige Bürsten lagen auf der Straße herum. Wir gingen zur U-Bahn und fuhren zum Bahnhof Hamburg-Altona. Auch hier keine Menschen, nur Steine und Bürsten. Die „Gefahrenzone“ wurde zu mehreren „Gefahreninseln“, so viel bekamen wir noch irgendwie mit. Aber wie schon erwähnt, können wir nichts dazu sagen. Wir haben nun mal nichts gehört und nichts gesehen.

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