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‘Tausend Tode schreiben (Version 1/4)’ ist die erste Fassung eines groß angelegten Projekts. Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.

‘Tausend Tode schreiben’ ist ein work in progress. Die jetzt vorliegende Version 1/4 versammelt 135 Texte. Zwei weitere Versionen folgen am 16.1.2015 (2/4) und 16.2.2015, die endgültige und vollständige Fassung (4/4) erscheint am 13.3.2015 zur Leipziger Buchmesse. Käufer*innen älterer Versionen bekommen die jeweils neuen gratis.

Alle Einnahmen gehen an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow.

Erstehen kann man das E-Book unter anderem hier: 1000 Tode schreiben

#45

Sterben wie Schengen

Grenzen sind Achtziger. Sagt er. Und meint mich. Wir hatten gerade darüber gesprochen, wie lecker die Pelmeni seiner Mutter sind – und wie scheiße der Bauchspeicheldrüsenkrebs seines Vaters. Das Thema Grenzen ist aufgekommen, als er begann, den Ursprung des Pelmeni-Rezepts seiner Mutter zu rekapitulieren. Ich sage, dass es erstaunlich sei, wie ein paar Grenzen weiter diese hervorragenden Teigtaschen völlig unbekannt sind. Er sagt, damals in Kasachstan hätten sie jeden Tag Pelmeni gegessen. Damals als der eiserne Vorhang sie noch von den Verheißungen des Westens bzw. des Lebens in niedersächsischer Provinz trennte. Sein Vater ist hier Hausmeister. War hier Hausmeister. Denn gestern ist er gestorben. Kurz nach dem Mittagessen. Die Pelmeni sind noch übrig.

Man isst sie mit Schmand und Ketchup. Heute; früher nicht. Ketchup sei nicht im Sinne der Großmutter gewesen. Die aß sie mit doppelt Schmand. Doch der Ketchup vermischt sich mit dem Schmand zu einer süchtig machenden rosa Paste. Irgendwann wird alles eins: der Ketchup, der Schmand und die Pelmeni. Das ist ihr Geheimnis. Sein Vater hätte sie hingegen am liebsten in eine Gemüsebrühe getaucht. Ohne Schmand. Er mochte die klare Trennung zwischen Brühe und Pelmeni. Das wäre ja auch ein wenig Achtziger, sage ich. Am Ende hätte der Vater jedoch nur noch Brühe und keine Pelmeni runter gekriegt. Eine Tortur, diese Chemo. Meint er. Ich kann nur nicken. Als der Vater dann gestern seine Brühe hat kalt werden lassen, wollte er sich ein wenig hinlegen. Gemeinsam gingen sie ins Schlafzimmer. Als Sohn, als einziger, wollte er ihn nicht alleine lassen. Setzte sich auf einen Stuhl am Kopfende. Der Vater legte sich ins Bett. Schlief. Atmete ruhig. Gleichmäßig. Die Vorhänge waren halb zu gezogen. Und als er so da saß, auf diesem Stuhl, tat er nichts. Dachte an nichts. Saß einfach da. Beobachtete seinen Vater beim Atmen. Seinen starken Vater, der nun schwach und dünn von der Bettdecke verschluckt wurde. Seit einem Jahr ging es immer weiter bergab. Und gestern, auf diesem Stuhl, erreichten sie gemeinsam das Tal.

Mein Besuch war schon länger geplant. Ich wollte ihn besuchen. Nach ihm sehen. Er hatte mich gefragt, ob ich ihn auf den neuesten Stand bringen könnte. Wer mit wem – Belanglosigkeiten. Nun bin ich da und wir sprechen über Pelmeni. Über seinen Vater. Und schließlich über Grenzen. Sterben ist wie Schengen, sagt er. Nicht greifbar. Der Tod wie die plötzliche Erkenntnis, auf einmal in Holland zu sein. Hm, sage ich. Gestern auf dem Stuhl, hatte er das Sterben einfach verpasst. Das wäre schlimmer als das Sterben selbst. Er sah das Atmen, sah seinen Vater, wie er schlief, und einfach so – weiter schlief. Nur ohne Atmen. Sterben, sagt er, müsste wie der Eiserne Vorhang sein. Wie ein grimmiger Grenzsoldat. Wie eine plötzlich explodierende Mine im Grenzgebiet. Ich nicke, kauend. Wenn er mal abtrete, dann merke es jeder, sagt er, und tunkt eine Pelmeni in die rosa Paste.

(aus: 1000 Tode schreiben. Frohmann 2014.)1000Tode_Cover

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