Der Sinn des Lebens in geraden Zahlen

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GOTT zog das Manuskript unter der Kellertreppe hervor. Zwei selbsternannte Evangelisten hatten ihm den Text aus Ehrerbietung und zur Ansicht geschickt. Sie suchten nach der Antwort. Das hatten sie jedenfalls mit gelbem Filzstift auf dem Umschlag vermerkt – und darunter mit dunkelblauem Kugelschreiber ihr Konzept skizziert:

Zwei Autoren – abwechselnd schreiben sie ein Kapitel nach dem anderen – ohne zu wissen, was der andere tut, denkt, will, oder wo es insgesamt hingehen soll oder was das alles eigentlich zu bedeuten hat – sie lassen die Geschichte ihren eigenen Weg finden – und löschen am Ende alle ungeraden Kapitel – denn nur auf geradem Weg lässt sich der Sinn des Lebens ergründen –

Und GOTT las:

#2

Ich konnte es nicht fassen. Wenn die Wahrheit ans Licht kommen würde, ohne dass ich die größte aller Lügen verifiziert hätte – das wäre ja nicht auszudenken. Der Anruf fiel mir also nicht leicht. Oder gerade doch. Schließlich sollte endlich darüber gesprochen werden, was damals noch so unwichtig erschien. – Unwichtig, wie die Uhrzeit, die mein solarbetriebener Radiowecker anzeigte, als ich beschloss auf die vierte Person hinzuweisen. Damals hatte ich sie durch ein Fenster beobachtet. Wie sie da saß, mit den anderen dreien. – Schweine!

Natürlich war mir sofort klar, was sie im Schilde führten. Das konnte man ja förmlich durch die Scheibe riechen. Obwohl neben mir einer dieser fürchterlichen Pseudo-Geländewagen gerade einen Motorbrand hatte. – Zu Recht, dachte ich bei mir. Verdammte Penisautos können ruhig alle verbrennen. Deswegen hatte ich auch nicht den Hauch eines schlechten Gewissens, als der verzweifelte Besitzer endlich aufhörte mich um Hilfe anzuflehen. – In der Kneipe waren sie mittlerweile beim dritten Bier angekommen. Der Vierte, der Unerwähnte, der fast völlig Vergessene, der aber dennoch überaus Wichtige, hatte sich gerade mit einem feuchten Taschentuch seine Hände geputzt.

Ich presste meine Nase an die Scheibe. Niemand schien mich zu bemerken. Daher konnte ich mir ungestört Notizen machen und jede Gesichtsregung stenographisch festhalten. Sie lockerten sich. Lockerten ihre Gesichter. Ihre Gemüter. Die Stimmung wurde überschwänglich. Offensichtlich hatten sie etwas beschlossen. Oder sie hatten stark geflucht. Jedenfalls schlug einer von ihnen mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein anderer sprang daraufhin auf und schrie, so etwas wie „Niemals!“. Ich bekam Angst, dass sie nun doch auf die Suche gehen würden und band mir vorsichtshalber die Schuhe zu. Man weiß ja nie.

Sie verließen die Kneipe aber nicht. Noch nicht. – Das schrie ich übrigens auch ins Telefon. Doch wurde es ignoriert. Dabei war es doch wahr. Sie blieben sitzen. Egal was der Kellner auch sagte. Und der sagte viel. Sie verhielten sich schließlich äußerst unangebracht. – Ich schlich heimlich hinein. Eine große Zimmerpalme stand Feng-Shui-mäßig direkt neben ihrem Tisch. Die perfekte Tarnung. Ich bestellte eine Weinschorle um nicht aufzufallen und lauschte unverdrossen. Sie sprachen von Gewalt. Körperlicher sowie seelischer. Doch hatten sie auch die Schnauze voll. – Wutentbrannt sprang ich auf. Wollte losbrüllen. Konnte mich aber noch zusammenreißen. Zum Glück hatte niemand meinen Fast-Schreier mitbekommen. Nur ein rotgelocktes Mädchen schüttelte mit dem Kopf. Ich hatte meine Weinschorle in ihrer Handtasche entleert. Aber was kann ich dafür, wenn die heutzutage aus so billigem Material hergestellt werden?

Ich hatte genug gehört. Nur wusste ich jetzt nicht weiter. Etwas musste geschehen. Warum war ich der einzige, der darauf reagierte? Hatte der Penisautobesitzer seine Finger im Spiel? Hatte die Rothaarige absichtlich ihre Tasche unter meine Schorle gehalten? Vielleicht wegen meiner DNA? – Ich blieb nicht lange genug, um das herauszufinden. – Mehrere Wochen, die mein Leben von Grund auf ändern sollten, schlich ich durch die Vororte. Ich brach in verlassene Telefonzellen ein, um die Gelben Seiten zu klauen. Der einzige Weg, die Lösung zu finden. – Nachdem genug Zeit verstrichen war, griff ich zum Telefonhörer. Dass die vierte Person weggelassen werden sollte, konnte ich nicht zulassen. – Mein Plan begann, Formen anzunehmen.

#4

Glauben Sie etwa, Sie seien etwas Besseres, nur weil Sie glauben zu verstehen, worum es hier geht? – Die alte Frau betrachtete verstört und leicht kataraktisch Kristoffs Kinn. Die drei anderen hielten sich den Bauch vor Lachen. Kristoff hatte offenbar seinen Job, nicht aber seinen Sinn für Humor verloren. Und er hasste alte Frauen. Fast so sehr wie, wenn sich der Schnürsenkel mit Kaugummi unter der Schuhsohle verklebte. Er schnappte sich seine Notizen und wollte gehen. Einer der drei Anderen hielt ihn zurück. Er wusste nicht genau, wer der drei. Sie verwirrten ihn. Er konnte sie nicht auseinanderhalten. Sie hießen alle drei Mei/y/ay/er. Also Meier, Meyer und Mayer. – In diesem Fall war es Letzterer, der ihn am Ärmel zupfte. Verrat uns deinen Plan, sagte dieser Hundeblick. Verächtlich nahm Kristoff wieder Platz.

Ich hatte die Szene von meinem Platz hinter der Ginsterbuschhecke auf der anderen Straßenseite aus genau verfolgt. Ich wusste, warum Kristoff seinen Job verloren hatte. Schließlich verdankte er mir seine neu errungene Untätigkeit. Doch, dass er sich schon so früh mit den Mei/y/ay/ers treffen würde, hatte ich nicht bedacht. Was, wenn er zu schnell seinen Plan in die Tat umsetzen würde, bevor ich meinen umsetzen konnte? Vorsichtshalber lutschte ich noch ein Pfefferminz. – Etwas was Kristoff auch auf den Tod nicht abkonnte, frischer Atem bei jemanden, den er nicht mochte. Und mich mochte er nicht. Noch nicht.

Zufällig wusste ich, wo die Mei/y/ay/ers ihr dreifaches Tandem abgestellt hatten. Ich konnte sicher sein, dass sie Kristoff sich nicht sie schnell davon machen würde, denn Meyer bestellte gerade seinen vierten Obstler. – Ich war auf alles vorbereitet und tauschte so unauffällig wie möglich die schwarzen Ventilkappen gegen rote aus. Das würde sie eine Weile aufhalten.

In der Kneipe hatte Kristoff mittlerweile irgendwelche Papiere ausgebreitet. Blaupausen. Etwa die Pläne zu einer Festung? Nein. Das würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Nicht mal zu viert könnte man in drei Monaten eine ganze Festung bauen. Und mehr Zeit konnte Kristoff unmöglich eingeplant haben. Wenn doch, würde nämlich mein Plan, seinen Plan planmäßig zu torpedieren, absolut unplanmäßig scheitern. Sofern nicht noch eine alte Frau auftaucht. Doch alte Frauen sind viel zu unberechenbar.

Ihre Gesichter sahen aus, als ob sie sich alle zusammen an etwas erinnerten. Vermutlich an 1996. Bestimmt sogar an 1996. Nur was, war das Besondere an dem Jahr? – Ich hatte keine Ahnung. Vielleicht Fettes Brot? Ich wollte nicht einfach nur dastehen und zusehen, wie Kristoff Blaupausen ausbreitet ohne selbst Blaupausen auszubreiten. Also kniete ich mich auf den Bürgersteig und breitete meine eigenen Pläne aus. In meiner Erinnerung sind sie noch viel blauer, als Kristoffs. Ich nahm einen von diesen Dingern, wie heißen die noch, sehen aus wie Zirkel haben aber zwei Spitzen, anstatt einer Seite mit ‘nem Bleistift. Jedenfalls fing ich an, damit Entfernungen abzuschätzen. Ich hatte Recht gehabt. Vier Längen. Mehr brauchte ich nicht. Die Mei/y/ay/rs würden ja außer Gefecht sein. Kristoffs Plan würde sich ohne Umschweife in meinen integrieren lassen.

#6

Es ist nicht leicht. Schon gar nicht auf den Knien. Das wussten schon die Putzfrauen des alten Ägyptens, als sie mit der undankbaren Aufgabe betraut wurden, die Skarabäus-Kacke von den Pyramiden zu kratzen. – Doch auf den Knien mit dem Kinn, die Hände zur Tarnung einen Abstands-Zirkel haltend, eine SMS in sein Smartphone zu tippen, grenzt an eine kulinarische Meisterleistung, wie sie nur das Trio Lafer-Lichter-Lekker zustande bringen könnte. Natürlich musste dafür das Kinn ratzeputz rasiert sein. Der Touchscreen reagiert nun mal nicht, wenn tasmanische Schurwolle zwischen Fleisch und Oberfläche klebt.

Die Schergen der Organisation waren also schnell vor Ort, als ich die einzige Frau der fünfköpfigen Männertruppe herauskommen sah. Natürlich wusste ich, dass sie wusste, wer ich sein könnte. Aber ich schaute nach links unten. Ein alter Spionagetrick, den ich aus einem Peter Sellers Film kannte. Es wurde dort nicht ausdrücklich als Trick genannt, aber ich bin von einem internationalen Spionage-Ausbildungsteam zu perfektem Zwischen-den-Zeilen-lesen ausgebildet worden. Ich kann Sachen zwischen den Zeilen lesen, die Otto-Normal-Verbraucher als Satzende verkauft werden. Aber Hallo!

Wir hatten also ihre Handtasche. Bzw. die irische Rugybmafia hatte ihre Handtasche. Das las ich auf einem vorbei flatternden Flugblatt. Gleichzeitig befahl es mir, die Handtasche wieder zu beschaffen. Doch es ist nicht leicht, die erbeuteten Gegenstände von diesen Burschen zu bekommen. Ein Rückgaberecht stand zwar in ihren AGBs. Das hieß aber noch lange nicht, dass sie sich auf einen Übergabetermin würden einigen können. Dahinter steckte ein viel zu großer bürokratischer Aufwand. Hinzu kam, dass irgendein Spaßvogel die Luft aus meinen Offroad-Inlineskates-Reifen gelassen hatte. War es Mayer? Hatte er sich für die roten Ventilkappen gerächt? – Aus reinem Trotz fuhr ich trotzdem mit den platten Reifen los und kam nur unwesentlich später an der geheimen Garageneinfahrt der Gebrüder Irish an. Sie hießen Irish und wollten jedem weismachen, dass sie auch wirklich aus Irland kamen. Doch waren sie eigentlich in der Detmolder-Vorstadt aufgewachsen. Rugby war ihr Leben, zusammen mit kleinen kriminellen Auftragsdiensten. Man musste vorsichtig sein. – Das größte Problem war aber, dass ich nicht wusste, wie es in der Kneipe weiter gehen würde. Es war ungewöhnlich, dass die Mei/y/ay/ers nicht zu dritt waren. Auch wenn sie das weibliche Geschlecht eines ihrer Mitglieder konsequent verneinten, waren sie doch unzertrennlich wie ein Pinguinpaar im arktischen Frühling. Ich musste Prioritäten setzen.

Und das tat ich. Ich ging zum nächstbesten Kiosk und kaufte mir ein Cornetto. Nuss, natürlich. Keine Ahnung was dann passierte, aber ich wachte plötzlich in dem Badezimmer eines Edelhotels auf. Jemand hatte mir einen goldenen Bademantel angelegt und mich in einen Corbusier-Sessel gesetzt. Ich wusste sofort, nach nur einem Blick auf meine lackierten Fußnägel, dass hier etwas nicht stimmte. Vermutlich war ein Verbrechen geschehen. Wo war die Tasche? Wo waren die Pläne? Wie waren die Bundesliga-Ergebnisse? Und warum war in der goldenen Bademanteltasche eine Nachricht mit der Aufschrift: „Der Sinn ist naturgemäß konsekutiv zu sehen!“ Das Ausrufezeichen verwirrte mich am meisten.

#8

Das Taxi überfuhr mit ziemlich hoher Geschwindigkeit einen gerade aus der Handtasche einer bepelzten alten Frau gesprungenen Zwergpinscher, bevor es mit einem lauten Krachen vor mir zum Stehen kam. Ich war wütend. Obwohl ich mir nichts aus Hunden machte. Aber mein goldener Bademantel war sowieso schon dreckig genug, da musste nicht auch noch Hundeblut dran kleben. Trotzdem wusste ich nicht, was passiert war. Jemand musste mich vergiftet haben. Spontan fiel mir niemand ein, der mich so sehr verachten könnte. Außer meine Mathelehrerin aus der achten Klasse. Ich hatte ihr einmal einen alten Fisch, den ich zuvor in der Schulmikrowelle aufgewärmt hatte, ins Fach gelegt. Zum Glück ist sie schon lange tot.

Auf dem Rücksitz des Taxis versuchte ich meine Gedanken zu sammeln. Dazu warf ich meinen Kopf von links nach rechts und von hinten nach vorne. Der Taxifahrer hatte einen falschen Bart. Seine Augen sahen aber verführerisch aus. – Ich befahl ihm, mich zur Kneipe zu bringen. Ich glaubte meine Blaupausen auf dem Bürgersteig vergessen zu haben. Zu dem Zeitpunkt war mir nicht klar, dass alles noch viel schlimmer werden würde. Das Cornetto hatten sie mir gelassen. Zum Glück. Wenigstens ist ein Teil meines Planes nicht vor die Hunde gegangen. – Apropos Hunde. Der Taxifahrer hatte lange nasse Haare und kaute an einem dieser zahnreinigenden Hundeknochen. Widerlich. – Ich versuchte vergeblich, mich nicht zu übergeben.

Als wir vor der Kneipe hielten, musste noch ein Hund dran glauben. Es war einfach nicht der Tag für diese Spezies. Der Fahrer wandte sich zu mir und wollte sein Geld. Ich kramte in den Taschen meines Bademantels. Leer. Durch das Fenster sah ich meine Pläne ausgebreitet auf dem Bürgersteig. Zwei Obdachlose studierten sie. Einer schien ihn fast verstanden zu haben – ich musste handeln. Gerade als ich die Tür öffnen wollte, griff der Fahrer mit schlanken aber erstaunlich kräftigen Fingern nach meiner Kehle. Er fing an mich mit einer Hand zu würgen. Die Obdachlosen hatten das Spektakel mitgekriegt und fingen an zu johlen. – Plötzlich kam Kristoff aus der Kneipe. Wir sahen uns direkt in die Augen. Die nicht mehr vollzähligen Mei/y/ay/ers standen hinter ihm. Einer klappte den Mund auf, Kristoff schlug ihn mit Wucht wieder zu.

Endlich konnte ich mich befreien. Ich riss dem Fahrer den falschen Bart ab, sprang aus dem Taxi und versuchte mich in der sich bildenden Menschenmenge zu verstecken. Doch mit meinem goldenen Bademantel fiel ich zu sehr auf. Außerdem waren es dann doch zu wenige Leute. Vielleicht Zwölf. Ich weiß nicht mehr genau. Jedenfalls bemerkte Kristoff, dass ich zu den Plänen auf dem Boden wollte und sprang auch darauf zu. Wir keilten ein wenig. Schließlich riss ich mich los und rannte davon. Meine Lunge brannte, meine Beine juckten, meine Kopfhaut schwitzte, meine Zehen beugten sich und meine Hände schlackerten wie wild umher.

Ich landete in einem Park und versteckte mich zwischen zwei Birken. Erleichtert holte ich den Plan aus meiner Tasche. Die Überschrift schockte und überraschte mich ein wenig: „Kristoffs Plan zur Erlangung der Weisheit“, stand da in kalligraphischen Lettern. Doch war der Plan unvollständig. Die andere Hälfte musste in der Handtasche sein. Wo waren die Iren? Warum hatte ich auf einmal Kristoffs Plan? Wo war mein Plan? – Wenn Kristoff ihn haben sollte – na dann Prost, Mahlzeit. Ich klebte mir den falschen Bart an und nahm die Straßenbahn ins irische Viertel.

#10

Es war nicht leicht, den Fahrkartenkontrolleur davon zu überzeugen seine Uniform mit meinem goldenen Bademantel zu tauschen. Ich musste all meine Fähigkeiten abrufen, die ich in meinem zweieinhalb wöchigen Jurastudium erlangt habe. – Man hatte mich damals von der Uni gejagt, nachdem ich die Tochter des Dekans dazu überredet hatte, jede Woche im Atrium des Präsidiums eine Mazdaznan-Sitzung abzuhalten. Siebzehn der ersten Vierhundert Teilnehmer reichten aus, das Atrium ins Chaos zu stürzen. Sie bekamen große Kreislaufschwierigkeiten während der Atemübungen. Reagierten hyperventilierend auf die zu verschluckenden Seifenstückchen und waren völlig verwirrt, als plötzlich ein Haufen vermummter Protestler den Saal stürmten, um gegen die Rassenvorstellungen der Otoman Zar-Adusht Ha`nish-Jünger zu demonstrieren. Wie dem auch sein: es mussten mehrere Hundertschaften, die in grobe Leinen gekleideten Jünger von den Demonstranten trennen, wobei das Büro des Dekans leider völlig zerstört wurde.

Der Fahrkartenkontrolleur wusste davon nichts und gab mir dementsprechend naiv seine Uniform. Zwar war nun meine Blöße bedeckt, doch war mir auch klar, warum Fahrkartenkontrolleure immer so schlecht gelaunt waren. Meine Beine kratzten auf unerträgliche Art und Weise. Es musste die Hose sein.

Endlich fuhr die Straßenbahn durch die Tore zum irischen Viertel der Stadt. Als Kontrolleur verkleidet musste ich mich an den Passkontrollen beteiligen. – Im Jahr 2004 hatte die irische Regierung beschlossen, in mehreren deutschen Städten autonome Viertel einzurichten. Niemand wusste genau warum, doch waren diese Viertel mittlerweile zu kulturellen Zentren geworden, die mit ihren Ulysses-Instituten die perfekte Ausnützung des 16. Juni propagierten. Der ausgelutschte Begriff Carpe Diem bekam bei neunhundert Seiten eine völlig andere Bedeutung.

Ich schlich auf Zehenspitzen zu der Lagerhalle, in der ich die räuberische Bande vermutete. Auf dem Weg hatte ich noch einen Blick auf den Plan geworfen. Er war völlig anders als mein Plan. Schließlich hatte ich mir die beste Möglichkeit ausgedacht, das gesamte Weltwissen ans Tageslicht zu fördern. Es war so einfach wie genial. Ich nutzte die allgemein menschliche Art des Alterns und des damit einhergehenden Verlustes der Haarfarbe. Alte Menschen haben am längsten gelebt, wissen also auch am meisten und sind somit die beste Quelle um Weisheit zu erlangen. Menschliche Eitelkeit ist ein weiterer Bestandteil meines fast nicht zu übertreffenden Planes. – Doch habe ich schon genug verraten. Mein Plan war ja eh verschwunden und es war fraglich, ob ich überhaupt jemals wieder in den Besitz meiner Blaupausen kommen würde. Und selbst wenn, Kristoff und seine Schergen hatten nun alles gesehen. Er war somit fast vollkommen wertlos.

In der Lagerhalle spielten ein paar sehr alt aussehende Kinder Skat. Sie musterten mich mit einem skeptischen, leicht in Verachtung fallenden Blick. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so übermütig gefühlt. Ich fragte nach ihren Fahrkarten. Sie hielten das für einen Code und fingen an mich mit vertrockneten Erdnussflips zu bewerfen, bis endlich der Chef der Bande in der Tür erschien. Er fragte mich nach Zitronensaft. Ich sagte ihm, dass in Gemüse viel mehr Vitamin C stecken würde. Er glaubte mir – so dachte ich – und warf mir ein zerknittertes Stück Papier vor die Füße. Eine Steuererklärung. Er sagte, er wolle Kristoffs-Pläne und nicht Meiers. – Langsam waren mir hier ein paar Pläne zu viel im Raum. Ich kenne keinen Meier, versuchte ich ihn zu täuschen. Daraufhin setzte er mir eine Schiebermütze verkehrt herum auf den Kopf. Das war das Zeichen.

#12

Kurze Zeit später fand ich mich in roten Bermudas am Rand eines kegelförmigen Swimmingpools wieder. Ich war mit den Iren schwimmen gegangen. Der Chef, der mir die Schiebermütze verkehrt herum aufgesetzt hatte, nannte sich Finnegan. Und die falsch herum aufgesetzte Mütze, ist in internationalen Verbrecherkreisen immer das Zeichen, Schwimmen zu gehen. Wir kraulten also ein paar Runde und Finnegan machte mir ein Angebot. Ich solle ihm Kristoffs Pläne besorgen und ich könne mir dafür einen Sachwert meiner Wahl aus seinen Garagen aussuchen. Natürlich schlug ich ein. Vermutlich auch deswegen, weil ich in einer eigenen Bahn schwamm, die nur durch Knopfdruck von einem Haibassin getrennt war. Eines der altaussehenden Kinder stand direkt neben dem Knopf und achtete auf nichts anderes als das Nicken von Finnegan.

Ich bekam ein Handtuch und einen grünen Bademantel. So entließen sie mich wieder. Viel erreicht hatte ich nicht. Statt eines goldenen hatte ich nun einen grünen Bademantel und statt meiner Pläne, hatte ich die Hälfte von Kristoffs oder Meiers? Jedenfalls war da ja noch die zerknüllte Steuererklärung. – Ich musste die andere Hälfte von Kristoffs Plänen finden. Aber den Iren werde ich die bestimmt nicht auf die Nase binden. Wer weiß, was die vorhaben. Wenn Kristoff meinen Plan hat, klau‘ ich ihm eben seinen und dann werden wir ja sehen, wer als erster seinen Weg macht. Denn Zeit einen neuen Plan zu erstellen, hat keiner von uns beiden. Es war ja kein Zufall, dass Kristoff ausgerechnet an diesem Abend mit den Mei/y/ay/ers zusammenkam. Er wusste genauso gut wie ich, was uns schon bald bevorstand. Und dafür kann man in seinem Leben nicht genug Bademäntel getragen haben.

Ich ging zur einzigen Currywurstbude der Stadt, die auch nachts noch Schokoladenmilch verkaufte. In aller Ruhe studierte ich noch einmal Kristoffs halben Plan. Es war eine Art Fahrzeug abgebildet. Man saß mit vier Leuten hintereinander. Der Vorletzte war offenbar für die Beschleunigung zuständig, in dem er Sirup dauerhaft in einen Tank laufen ließ. Der Hinterste sollte die Bremsen bedienen. Der Teil, der die Funktion des Menschen in der ersten Reihe erklärte, fehlte. Das musste die Lösung sein. Vermutlich wusste der Fahrer als einziger, wohin die Reise geht, ob überhaupt eine Reise gemacht werden sollte, und wenn ja, wer für die passgenaue Ankunft zuständig war.

Kristoff in eine Falle zu locken erschien mir als die beste Idee seit dem Album Sgt. Pepper’s lonely Hearts Club Band. Ich musste die Aufgabe des Fahrers aus ihm heraus kitzeln. Ich wusste auch schon, an wen ich mich da wenden sollte. Hoffentlich war er mittlerweile aus Argentinien zurück. Dort hatte er versucht japanisches Kobe-Steak zu etablieren. Mit erstaunlichem Erfolg. Dieser Mann kann wirklich jedem alles aufschwatzen. Ich exte die Schokolade und rief ein Taxi. Dort, wo ich hinwollte, waren grüne Bademäntel die perfekte Tarnung.

#14

Ich hatte keine Ahnung, was zum Teufel ein Davenport überhaupt sein sollte. Deswegen war ich nicht minder überrascht, als man mir sagte, mein Kontakt hätte einen Stand auf der weltgrößten Davenport-Messe in der Nähe des Flughafens. Trotzdem hatte ich Glück, wie vorausgesagt. Menschen in grünen Bademänteln hatten freien Eintritt. Das kam vielleicht alle zehn Jahre einmal vor. Das letzte mal 2018 als im Sommer die Bundes-Crocket-Spiele ausgetragen wurden. In genau derselben Halle schaffte ich es damals auf den 15. von insgesamt 30 Plätzen. Mittelmäßigkeit war nicht leicht zu erringen.

Nachdem ich mir ein paar echt ungarische Hotdogs einverleibt hatte, schlenderte ich in den künstlich angelegten Gassen herum. Überall wuselten Davenport-Hersteller und -Käufer umher. Wer auch immer sie eingeladen hatte, war mit Sicherheit froh, so viele von ihnen zu sehen. Messebesitzer müsste man sein, dachte ich bei mir, während ich ein großes Stück Gurke zwischen meinen Fingern drehte.

Schon von weitem konnte ich ihn erkennen. Er trug einen seiner schwarzen Kapuzenumhänge. Viele Kunden um sich geschart. In jeder Hand hielt er einen Davenport um zu zeigen, wie leicht man sie halten konnte. Beeindruckte Blicke allerorten. Eine Gruppe kleiner Australier versuchte es auch, scheiterte aber an den breiten Armlehnen und dem Samtbezug. Sie fluchten. Ich stieß sie, messegewand wie ich nun mal bin, mit einem kräftigen Stoß in den nächsten Stand. No Davenport for you, Sir. – Meinen Kopf im Nacken, rief ich zu ihm in die Kapuze. Ich wusste, dass er nicht leicht zu beeindrucken war, also versuchte ich es gar nicht erst. Er fing an, mit vier Davenports zu jonglieren. Ich wusste immer noch nicht, was ein Davenport eigentlich sein sollte, hatte aber auch keine Lust in meinem Smartphone zu googeln.

Nach seiner Show schlichen wir in eine der vielen dunklen Ecken, wo normalerweise Schwarzbrot verkauft wurde. Ich erklärte ihm meine Situation. Er verstand im dritten Anlauf und hakte sich dann bei mir unter. Er werde Kristoff finden, tot oder lebendig. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass er auf gar keinen Fall tot sein dürfe. Er nickte und wiederholte nochmal, dass alles klar sei und er Kristoff schon finden würde. Tot oder lebendig. Ich sah ihn mit leeren Augen an. War der Mensch schwer von Begriff oder machte ihn der Davenport-Lack ein bisschen gaga? AUF GAR KEINEN FALL TOT, DU IDIOT. Er schüttelte mich und schrie, dass er verstanden habe. Ich war mir nicht sicher und gab ihm vorsichtshalber eine schallend Ohrfeige. Sein Standmanager, vom Knall aufgeschreckt, verlor die Kontrolle über die Davenport-Portionier-Maschine, die daraufhin wie wild umher fuhr. Ich war nur einen Moment lang nicht aufmerksam. Nur ein winziger Moment. Doch der reichte aus, um mich unter hunderten, tausenden, millionen Davenports zu begraben. Das gewaltige Gewicht zerknitterte meinen Bademantel und zerquetschte meine Brust. Ich starb unter dem verzweifelten Geschrei einer Gruppe schwäbischer Touristen. Sie hatten sich unter einem gemütlichen Messebesuch etwas anderes vorgestellt. Und auch ich, hätte nicht gedacht, dass es einmal so enden würde. Jetzt würde kein Plan ausgeführt werden. Und nur Gott könnte mich retten. Nur Gott wäre in der Lage die Sinnlosigkeit meines Lebens zu revidieren und alle meine Pläne in die Tat umzusetzen.

„Ohne mich“, dachte GOTT und stopfte das Manuskript so schnell es ging wieder unter die Kellertreppe.

Fortsetzung folgt..?

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