Clonycavan Cut

J.T.Yost

J.T.Yost

Das irische County Meath sieht aus wie ein Desktopbild. Und das vermutlich seit 2.300 Jahren. Grüne Wiesen soweit das Auge reicht. Ein altes Königreich aus frühgeschichtlicher Epoche. Rinder- und Schafzucht sind die vorherrschenden Branchen. Klingt nach einem beschaulichen Leben, einem harten Leben – voll von arbeitsreichen Sommern, um durch kalte Winter zu kommen. Das erfordert Disziplin und Gehorsam gegenüber der Natur – sowie dem aktuellen Herrscher. Menschen mit Autoritätsproblem haben dabei schnell eine Axt zwischen den Augenbrauen und landen im Torf.

So geschehen im Townland Clonycavan circa 392 vor Christus: Ein Mann, Anfang Zwanzig, wandert über die Weiden. Auffällig: seine Frisur. An den Seiten abrasiert, trägt er den schmalen Streifen längerer Haare in der Mitte seines Kopfes hochtoupiert. Es ist Sommer. Der Mann ernährt sich vegan. Er könnte wohlhabend sein. Schließlich sind seine Haare mit Pinien-Harzen aus Spanien präpariert. Nicht leicht ranzukommen im vorchristlichen Irland. Vielleicht hat er geerbt. Vielleicht wandert er über die Wiesen, weil er nicht weiß, was er mit seinem Erbe machen soll. Er ist auffällig mit seiner Frisur. Will vielleicht auffallen. Will anders sein als die anderen. Will anders leben. Vielleicht kein Schafzüchter sein. Vielleicht die Leier schlagen auf einer Tour durch die keltischen Siedlungen. Kein Bock auf die Tradition der Vorväter. Zucht und Ordnung, ducken vor dem skotischen König, teilnehmen an Raubzügen in Nordbritannien – vielleicht will er ausbrechen. Scheiß auf die Alten, die ihn in eine Rolle zwängen wollen, die seine Zukunft diktieren wollen.

Sein Stamm hätte sich darüber vermutlich nicht gefreut. Wäre abends zusammen gesessen, um zu einer Entscheidung zu kommen. Wie soll auf die Situation reagiert werden? Was müssen sie tun, um den Jungen zur Vernunft zu bringen? Vielleicht werden sie wütend. Vielleicht entstünde ein Streit im Stammesparlament. Was denkt der sich eigentlich? Mit seinem Iro und seiner mangelnden Disziplin. Vielleicht wollen sie ihn rauswerfen. Verbannen. In den Süden schicken, nach Gallien oder noch weiter – nach Kleinasien zu den Trokmer, oder so. Vielleicht reicht es einem der Teilnehmer irgendwann. Er schnappt sich seine Axt und rennt raus, auf die Weide, kann den Jungen schon von weitem sehen, hat er doch seine auffällige Frisur, die einfach nicht zu den anderen passt.

Der junge Mann genießt die warme Luft des Sommerabends. Vielleicht ist er hin und her gerissen. Vielleicht tut es ihm sogar Leid, dass er anders ist. Er hat es sich bestimmt nicht ausgesucht. Er ist einfach so. Doch hat er keine Zeit mehr, sich richtig mit sich und den anderen auseinander zu setzen. Aus dem Augenwinkel erkennt er einen der Männer aus dem Dorf – zu spät sieht er die Axt. Die Klinge trifft ihn auf dem Nasenrücken. Eine tiefe Wunde reißt auf, die bis unter sein rechtes Auge reicht. Er fällt zu Boden und der Mann holt noch einmal Schwung. Von hinten schmettert er die Axt auf die Oberseite des Schädels. Vielleicht wollte der Mann ein Zeichen setzen, wollte nicht allein den Tod des Jungen, sondern mit dem Schlag auf den Kopf auch seine Andersartigkeit zerstören. Er lässt ihn im Torf liegen. Geht zurück zu den anderen. Problem gelöst, hat er ihnen vielleicht gesagt.

Am 21. Februar 2003 fördert den jungen Mann eine Torfaubbaumaschine wieder zu Tage. Von dem gut erhaltenen Körper ist nur noch der Torso erhalten. Und die Aura einer unterdrückten Rebellion. Vielleicht der ersten in Europa.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s